Hautnah dabei - das Leben in der Nachkriegszeit

Das Interview hat Sarah Köhler am 21. August 2017 mit Heike Engel geführt.

An welche Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges und der Zeit unmittelbar danach kannst du dich erinnern?

An die erste Zeit kann ich mich natürlich nicht genau erinnern, denn damals war ich noch sehr jung. Allerdings weiß ich aus Erzählungen, dass meine Eltern damals einmal ausgebombt worden sind.

Auf dem Bild ist Heike Engel im Gespräch zu sehen
Heike Engel im Gespräch

Kurz nach meiner Geburt, als der Zweite Weltkrieg gerade beendet war, wurde meine Mutter dann nach Niedersachsen evakuiert, was zu der Zeit – wie Hamburg – unter dem Protektorat der Engländer stand. Meine Mutter erzählte mir, dass es nie Schwierigkeiten mit den Engländern gab und sie somit keinerlei negative Erinnerungen an diese Zeit hat.

Die Zeit, an die ich mich selber erinnern kann, beginnt als ich vier, fünf Jahre alt war, in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Zu dieser Zeit wohnten wir in Hamburg Blankenese, unten am Strand. Wir besaßen eine Wohnung, welche meine Eltern und ich uns allerdings mit einem Ehepaar teilen mussten.

Meiner Mutter gefiel die Wohnsituation gar nicht, selbst die Schokolade, die die Nachbarn manchmal mitbrachten und die eine absolute Besonderheit war, stimmte meine Mutter nicht milde. Sie fühlte sich belästigt, da wir durch das Ehepaar nie wirklich Privatsphäre besaßen. Da dieses Problem bestehen blieb, zogen wir letztendlich um.

Es war also für mich und meine Eltern damals nicht ganz einfach in Hamburg Blankenese, doch meine Eltern haben getan, was sie konnten, um mir alles ermöglichen zu können.

Wie war es in der Schule?

Genau wie bei der Wohnsituation, gab es auch in der Schule Schwierigkeiten. Manchmal wurde ich von den anderen Kindern ausgegrenzt, nur weil ich ein „Handwerker-Kind“ war und mein Vater kein Haus und kein Auto besaß.

Damit ich wahrgenommen wurde, musste ich dann mit meiner Leistung glänzen. Da ich was an meiner Situation ändern wollte, brachte ich Leistung und war richtig gut in der Schule, so hat sich das ganze Gerede der Mitschüler letztendlich auch gelegt. Ich musste mich in der Zeit damals einfach durchsetzen können. Und das habe ich.

Ich habe mich durchgesetzt, mein Leben lang.

Was gab es noch Interessantes am schulischen Alltag?

Da es nicht genug Lehrkräfte zu der Zeit gab, hatten wir abwechselnd vormittags und nachmittags Unterricht. Eine weitere Konsequenz war, dass lediglich ältere Lehrkräfte an meiner Schule angestellt waren, die jüngeren Männer sind oft im Krieg geblieben, was bedeutet, dass sie gefallen waren. Auch meine Klassenlehrerin war bestimmt schon um die 65 Jahre alt, als ich anfing, die Schule zu besuchen. Auch ausbaufähig war der Sportunterricht. Dieser spielte sich meist im Freien ab, weil die Turnhallen zusätzlich noch anderweitig genutzt wurden.

Kannst du uns erzählen, wie euer Schulmaterial aussah?

Aufgrund der damaligen Verhältnisse war auch das Schulmaterial nicht besonders gut. Wir hatten damals Schiefertafeln und Stifte, welche auch aus Schiefer waren. Dadurch quietschte es jedes Mal ganz schrecklich, wenn wir alle gleichzeitig etwas auf die Tafeln schrieben.

Des Weiteren gab es nur ein Schulbuch für die ganze Klasse, das wir uns alle teilen mussten, was man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann.

Wie sah es bei euch Zuhause mit dem Essen aus?

Dass es nicht leicht war, habe ich ja schon erzählt. Eine besondere Herausforderung für unsere Familie war es, ausreichend Nahrung für uns zu haben. Uns ging es relativ gut. Mein Vater hatte Beziehungen zu Fischhändlern, so dass wir uns in der Zeit nach dem Krieg sehr viel von Fisch ernährten.

Wovon wir auch profitierten, war der Fischkutter in Blankenese, welcher meinem Großvater und meinem Cousin gehörte. Anders als vielleicht erwartet, gab es bei uns sogar manchmal Kuchen. Diesen bereitete meine Mutter mit Fischtran zu, den sie bestimmt ganze fünfmal filterte, bis der ganze Fischgeschmack raus war, um ihn dann als Butter- oder Margarineersatz zu benutzen. Das war für mich immer etwas ganz Besonderes!

Hattet ihr bei der Kleidung auch so viel Auswahl? Wie wurde sie hergestellt?

Zu der Zeit hatte man natürlich nicht so viel Auswahl an Kleidung, wie heute. Das Gute war, dass meine Großmutter sehr gut schneidern konnte. Auch mein Vater war in dem Bezug eine Unterstützung, da er immer alle möglichen Uniformen verwertet hatte und dunkelblaue Hosenträger davon nähte. Die fand ich immer ganz toll.

Danach gab es dann eine Zeit, in der meine Mutter mich immer in rosa Rüschen steckte, weil es modern war – das fand ich nicht so toll.

Denkst du, dass die Zeit für deine Eltern schwer war? Hat sich das auf deine Kindheit ausgewirkt?

Ich kann mir schon vorstellen, dass die Zeit damals eine ziemlich schwierige Zeit für meine Eltern war. Dennoch habe ich eine sehr schöne Kindheit gehabt, unter anderem, da beide Elternteile für mich da waren. Nicht jeder hatte es so gut, da viele Väter in den Krieg ziehen mussten und nicht zurück kamen.

Mein Vater hatte damals auf der Werft gearbeitet und war gelernter Bootsbauer. Somit hatte er einen kriegswichtigen Arbeitsplatz und war von der Wehrpflicht befreit. Er war für die Reparaturen der Kriegsschiffe zuständig und musste daher nicht in den Krieg ziehen. Das haben meine Mutter und ich sehr schön gefunden und auch sehr geschätzt.

Waren Bekannte von euch im Krieg?

Tatsächlich war ein Onkel von mir Marinesoldat während der Kriegszeit. Er kam nach dem Krieg heil nach Hause, starb dann jedoch an einer Krankheit.

Wie gestaltete sich der Alltag der erwachsenen Menschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit?

Eigentlich sah man andere Menschen immer nur arbeiten. Auch mein Vater musste damals sechs Tage die Woche, also auch samstags, arbeiten. Dies galt als reguläre Arbeitszeit. Bis die Arbeit am Samstag für meinen Vater wegfiel, verging eine lange Zeit. Und so war es für viele andere Arbeitnehmer auch, denn nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Deutschland, die Städte und die Gesellschaft, wieder aufgebaut werden.

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