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Tagebuchaufzeichungen zum Kapp-Putsch 1920 Im April 1920 machte ich zwei Bälle mit in Hamburg, bei Familien, deren Töchter mit mir zusammen Tanzstunde hatten. Der erste Ball bei Hülsemann war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Es war gerade der Tag, an dem der "Kapp-Putsch" war. Daraufhin streikten sämtliche Verkehrsmittel. Es fuhren weder Straßen noch Eisenbahnen, und so musste ich im Geschwindschritt den Weg zur Ohlsdorfer Straße antreten. Im Mittelweg erwischte ich ein Auto, das mich, nachdem es mich verkehrt gefahren hatte, irgendwo wieder absetzte mit dem Bemerken (des Fahrers), er führe mich nicht mehr weiter. Für diesen Spaß hatte ich M 35,- zu zahlen, was meine Geldbörse nicht unerheblich erleichterte. Mein Weg führte nun durch unbekannte Gegenden, durch die Schrebergärten am Stadtpark, dann schließlich zur Ohlsdorfer Straße. Der
Ball war nur sehr primitiv, denn nicht einmal ein Klavierspieler war da, und wir
mussten nach den Klängen eines Grammophons tanzen. Morgens 1/25 Uhr brachen wir auf. Die Straßenbahnen
fuhren ja nicht, und so mussten wir den Weg zur Stadt zu Fuß zurücklegen, Ein wundervoller
Morgen wurde es. Als die Sonne aufging, war ich am Harvesterhuder Weg angelangt und ging
nun an der spiegelglatten Alster entlang. Die Türme von St. Georg, Petri, Jacobi, Rathaus lagen
vor mir und spiegelten sich teils im Wasser wieder. Todmüde kam ich am Hauptbahnhof an und
wollte mit dem ersten Zuge nach Bergdorf fahren. Der Bahnhof war aber gesperrt und auch
hier jeglicher Verkehr aufgehoben. Was sollte ich nun machen? Ich ging ins nahe Lloyd-Hotel
und frühstückte und schlief beinahe dabei ein. Gegen 8 Uhr telefonierte ich an Onkel Henry
Schwieger (Pastor an der Michaelis-Kirche), ob ich nicht zu ihm nach der Mühlenstraße
kommen könnte. Dort wurde ich dann sehr freundlich aufgenommen und mir ein Bett zurecht
gemacht, in dem ich bis nachmittags ausschlief. In Fischbek hatten sich die Kommunisten versammelt mit Gewehren, sie sahen gefährlich aus, sie wollten bei Harburg organisierten Truppen entgegentreten, die dann ja auch tatsächlich in den nächsten Tagen ihrer Waffen entledigt wurden, und der Hauptmann Berthold auf das Grausamste gelyncht wurde, bis er schließlich unter Fußtritten starb. Papa kam schließlich per Auto aus Lübeck. Hier in Bergedorf wurden von den Kommunisten Hausdurchsuchungen abgehalten nach Waffen. U.a. waren die Kerls auch bei Speckters, doch fanden sie glücklicherweise die kurz vorher versteckten Waffen nicht. Jeden Winkel haben sie untersucht! Der Kapp-Putsch verlief im Sande. Die gewesene, gefürchtete Regierung kam wieder nach Berlin, und der Generalstreik nahm sofort ein Ende. |