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Ergebnisse eines Interviews mit Rose S. (*1933)

Rose-Marie (45 Jahre)
1973- 1945 aus der
Sicht eines Kindes
Rose S. lebt mit ihren Eltern und zehn
Geschwistern in der Kleinstadt Helmstedt (Niedersachsen). Die große
Dreizimmerwohnung, in der sie wohnen, ist einst eine Schule gewesen mitten
an der Autobahn, die für den Krieg errichtet wurde.
Der Vater, Wilfried, war ein Arbeiter in einer Munitionsfabrik. Später ist
er im Krieg umgekommen. Zurückgeblieben sind Rose, ihre Mutter und die zehn
Geschwister. Egon war der einzige jüngere Bruder von ihr und wurde von der
SS als das „Patenkind“ von Hitler bezeichnet, weil er am selben Tag wie der
„Führer“. Geburtstag hatte
Dieser Tag war der 20. April und jedes Patenkind bekam an diesem Tag ein
Paket mit Süßigkeiten und einer Grußkarte:
„Herzlichen Glückwunsch!
Mögest du groß und stark werden.
Alles Gute! Dein Führer.“
Der Bund Deutscher Mädel
Die Hitlerjugend: Mädchen wie Jungen mussten an den zahlreichen
Sportaktivitäten der HJ teilnehmen, um den Idealen des Führers zu
entsprechen.
An einem Mittwoch kam ein SA-Mann zu uns und forderte meine Schwestern und
mich auf, mit zum großen Sportplatz in der Stadt zu kommen. Wir versammelten
uns auf dem Platz. Jedes Mädchen bekam eine Uniform und Anweisungen.
Nur zum Sport durften wir die Uniform tragen.
Ich trug einen braunen Faltenrock, eine braune Jacke mit acht Knöpfen, die
auf die Taille gearbeitet waren. Dazu trugen wir ein weißes Hemd mit einem
schwarzen Dreieckstuch, das mit einem Lederknoten gehalten wurde.
Kurze weiße Socken trug man mit braunen Schnürschuhen aus Leder.
Es gab nicht nur eine Kleiderordnung. Lange Haare wurden stets geflochten.
Alle haben gemeinsam Sport betrieben. Wenn eine mal nicht auf die Sauberkeit
ihrer Kleidung achtete oder nicht am Sport teilnahm, wurde Druck ausgeübt.
Dieser bestand meistens aus zusätzlichen Sportaktivitäten mit einem
schwierigen Aufgabenfeld.
Das Gemeinschaftsgefühl wurde dadurch gestärkt, dass man Nazilieder gesungen
hat:
Wir sind die Hitlerjugend
Und helfen euch befrei'n,
Wir stehn mit unserm jungen Blut
Für Volk und Heimat ein!
Die Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf den Sportplatz, sondern wir
haben auch Wanderungen, lange Märsche in freier Natur und
Theateraufführungen gehabt.
Später sollten wir einmal der „Nation“ viele Kinder schenken, sodass wir
viel Gymnastiksport hatten, damit wir mit unserem Körper in Einklang kamen.
Im Jahr 1938 wurde das landwirtschaftliche bzw. hauswirtschaftliche
Dienstjahr verpflichtend. Meine Schwestern haben an diesem Pflichtjahr noch
teilgenommen. Dort wurde ihnen das Kochen, die Landarbeit und alles, was
dazu gehörte, vermittelt.
Die Zeit in dem BDM war angesichts der Gemeinschaft sehr nett und ich habe
mich in der Gruppe wohl gefühlt.
Bombenangriff auf Helmstedt und seine Folgen
(Niedersachsen)

Foto von den Bränden in der Stadt
Braunschweig nachts nahe von Helmstedt
Abends war ich zu Hause, als der erste Bombenangriff begann.
Zuerst sahen wir Tiefflieger. Man hörte ihren Schall durch die Straßen. Sie
flogen donnernd über die Häuser hinweg. Die Angriffe wurden über das Radio
angekündigt, aber leider oft erst sehr spät.
Dann kam die erste Bombe geflogen. Mit einem Pfeifton zischte das runde,
lange Objekt vom Himmel herab. Auf dem Boden angekommen zersprengte sie
alles.
Die erste Bombe fiel auf einen Garten hinter unserem Haus.
Zwei Menschen sah ich, die durch die Luft geschleudert wurden.
Der Oberkörper des einen Menschen flog in einen Schornstein und blieb
stecken.
Die Fenster zersprangen durch den gewaltigen Luftdruck.
Die Menschen schrien entsetzt. Keiner wusste genau, was in dem Moment
passierte, da alle unter Schock standen. Niemand hat jemals mit einem
solchen Angriff gerechnet.
Die zweite Bombe flog direkt auf den Pferdestall der Brauerei Wolters. Alle
Tiere waren sofort tot von der gewaltigen Explosion der Bombe.
Die ganze Nacht lang brannte die Stadt und viele Menschen versuchten
verzweifelt, das Feuer zu bändigen.
Die Tage nach dem Bombenanschlag waren katastrophal und veränderten unser
ganzes Leben.
Das Fleisch der Pferde stahlen wir und aßen das Bein, da wir keine andere
Nahrung hatten.
Wir richteten so gut wie möglich das Essen zu mit Hilfe eines langen Messer
und haben sechs Wochen lang nur dieses Pferdefleisch und Kartoffelschalen
gegessen.
Es reichte gerade mal zum Überleben. Etwas anderes gab es nicht, da alles
zerstört war.
Manche Menschen brachten sich selber um, weil sie den Tod ihrer Mitmenschen
nicht ertragen konnten.
Einer von ihnen war unser Nachbar, der seine Tochter und seine Frau verloren
hatte.
Mein Vater selbst war Arbeiter in einer Munitionsfabrik. Bombensplitter
töteten ihn, als eine Bombe die Fabrik traf. Die halbe Stadt war
zertrümmert. Alle Kinder haben mitgeholfen, die Trümmer zu beseitigen.
Spielen konnten wir nicht.
Wenige Tage nach dem Anschlag musste ich in einer Besenfabrik reinigen,
damit ich die Familie unterstützen konnte. Es gab keinen Lohn, aber
geschmierte Brote.
Ich gab sie meinen Geschwistern und meiner Mutter. Ich war eine der
Jüngsten.
Die langen und kalten Winter mussten wir frieren, da es keine Heizung gab.
Es ging um das nackte Überleben. Wir schlugen Holz aus dem Wald und
verwendeten es als Brennholz. Aus Kartoffelsäcken fertigten wir Schuhe und
Kleidung an.
Wir waren froh über alle Materialien, aus denen wir irgendwas Gebräuchliches
fertigen konnten.
„Die Amerikaner kommen!“
…so hieß es an dem Tag, als die amerikanischen Soldaten in Helmstedt
eintrafen.
Es war im Frühjahr 1945, als die „Fremden“ bei uns eintrafen.

Das Haus, in der Rose und ihre Familie
lebte
Gerade befand ich mich im Garten vor unserem Haus, als ich mehrere Fahrzeuge
sah, die mir unbekannt waren.
Aus reiner Neugier ging ich auf die Straße um zu schauen, was passierte.
Alle anderen Geschwister und die Mutter blieben im Hause.
Vor jeder Haustür wurde ein amerikanischer Soldat postiert, der ein Gewehr
trug.
Ein Jeep fuhr vor und es stiegen dunkelhäutige Menschen aus.
Zuvor hatten wir noch nie farbige Menschen gesehen, sodass sie uns fremd
waren.
Ihre Gesichter waren ernst. Man konnte keine Emotionen in ihnen erkennen.
Ihr Anblick im Dunkeln machte mir Angst. Sie trugen Marinekleidung und
Stiefel.
Bevor ich in das Haus fliehen konnte, packte mich ein GI an meinem Arm und
sagte: „Come on“.
Dies verstand ich nicht und war ganz außer mir vor Angst.
Wehren konnte ich mich nicht, da die Männer mir körperlich überlegen waren.
Die Amerikaner nahmen keine Rücksicht und drängten mich in das Fahrzeug. Die
Fahrt dauerte eine halbe Stunde.
Da es draußen dunkel war, konnte ich nicht erkennen, wohin die Fahrt ging.
Beim Ausstieg erkannte ich aber das Rathaus, in das wir hinein gingen.
Sie brachten mich in einen Raum und fragten mich, was ich so spät auf der
Straße zu suchen hätte. In dem Raum standen ein Schreibtisch, Stühle und
alte Möbel. Sie forderten mich auf, mich hinzusetzen.
Ein Schreiber, ein Dolmetscher und ein Oberkommandant verhörten mich.
Zuerst sprach einer der GI-Männer auf Englisch, was dann ein anderer
übersetzen musste.
Da mein Stiefvater Nationalsozialist war, wollten sie wissen, wo er sich
befände.
Ich sagte nicht, wo er war, denn sonst wäre er in ein Internierungscamp
gekommen.
Nach einer Stunde war das Verhör zu Ende und die Amerikaner brachten mich
nach Hause.
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