Dieser Eintrag stammt von Margarete Schulmeister (*1925)

Ein Laib Brot

Frau Schulmeister lebt in St. Petersburg/Russland. Sie besuchte das Redaktionsteam, am 18. Juni 2009 im BegegnungsCentrum „Haus im Park“ der Körber-Stiftung in Hamburg-Bergedorf und erzählte aus ihrem Leben.

Frau Schulmeister wurde 1925 in Russland geboren. Ihre Vorfahren waren 1765 unter Katharina der Großen von Deutschland nach Russland gekommen. Vom 13. bis zu ihrem 18. Lebensjahr war sie unter Stalin im Arbeitslager.
Sie hat die deutsche Sprache nur im Selbstunterricht in der Familie erlernt. Um die Authentizität des Berichtes zu erhalten, geben wir ihn so wieder, wie er 2002 im Gemeindeblatt der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St. Annen- und St. Petrigemeinde zu St. Petersburg abgedruckt war.


Ein Laib Brot
Ich bin aufgewachsen in einer Familie, wo das Brot als etwas Heiliges geachtet wurde.
Meine Vorfahren väterlicherseits waren von je an Ackerbauern. Von Generation zu Generation bauten sie in ihrer Heimat in Hessen Getreide an. Mütterlicherseits waren es Müller. Ihre Heimat war der Schwarzwald in Württemberg. Sie waren ebenfalls von Generation zu Generation Müller. Also kannten diese Menschen den Preis des Brotes.

Als sie im Dezember 1765 nach Russland kamen, fingen sie sogleich mit ihrer gewohnten Arbeit an. Nicht weit von der Stadt Kamyschin an der Wolga gründeten sie ein Dorf - Mülberg - und fingen an, Mühlen zu bauen.

Die Mühlen der Reisichs (meine Großmutter war eine geborene Reisich) waren vor der Revolution 1917 in ganz Russland bekannt.

Frau Schulmeister aus
St. Petersburg besuchte am
18. Juni 2009 das Kollektive Gedächtnis im BegegnungsCentrum
„Haus im Park“ der Körberstiftung in Hamburg-Bergedorf

Zu arbeiten war für diese Menschen ein natürlicher Zustand. An der Wolga waren die klimatischen Verhältnisse sehr extrem (und sind es auch jetzt noch). Oft gab es Trockenperioden oder heiße stürmische Winde aus der Wüste, die die Ernte vernichteten. Das Leben der ersten und zweiten Generation der Kolonisten war ein Kampf um die Existenz. Aber die Fleißigkeit der Menschen, die Liebe zu der Erde trug Frucht. Es wurden neue Sorten Getreide angebaut, die diese extremen Verhältnisse gut ertragen konnten. und bald konnten die deutschen Kolonien einen großen Teil Russlands mit Brot versorgen. obwohl die Lager voller Getreide waren, wurde jedes Körnchen, jeder Krümel Brot sorgfältig aufbewahrt.

Wir Kinder wollten in allem unserem Großvater gleich sein. Wenn er Brot aß, biss er nicht von einem großen Stück ab, sondern brach sehr vorsichtig, fast zärtlich, kleine Stückchen und legte sie sich in den Mund, Er aß das Brot mit Genuss, konzentrierte sich aufs Essen.

Der Tag, wenn im Hause Brot gebacken wurde, war ein ganz besonderer Tag. Wenn die Großmutter am Backtrog anfing zu zaubern, hieß das für alle - nicht mit den Türen knallen, nicht im Hause hin und herlaufen. Der Teig muss Ruhe haben, damit er nicht zusammenfällt.

Gebacken wurde am frühen Morgen; im Hause verbreitete sich ein wunderbarer Duft von frisch gebackenem Brotes. Nicht umsonst sagten unsere alten Leute, dass das Brot eins von den kostbarsten Geschenken unseres Herrn ist.

1917 wurde die Mühle des Großvaters Reisich nicht nur nationalisiert, sondern barbarisch dem Erdboden gleichgemacht. Das Herz des alten Mannes hielt es nicht aus - er starb. Großvater Schulmeister, der dank seines Fleißes im Laufe seines Lebens Tausende Menschen mit Brot satt gemacht hatte, starb im ersten Monat der Verbannung in einem Bergwerk in Nordkasachstan vor Hunger. Ich habe ein langes und mit Erlebnissen reiches Leben hinter mir. Meistens sind es traurige Erlebnisse. Und eines dieser Erlebnisse ist gerade mit einem Laib verbunden.

Der erste Winter in der Trudarmee (Arbeitsarmee) ging zu Ende. Im Mai schmolz die oberste Schneeschicht unter den spärlichen Strahlen der nordischen Sonne. jetzt mussten wir 14 Stunden am Tag im eiskalten Wasser stehen. Das Schuhwerk, das uns im Winter im Frost von bis 50 - 60 Grad einigermaßen geholfen hatte, auszuhalten, konnte uns nicht vor dem Wasser schützen. Die Füße wurden die Nacht über nicht warm, sie bedeckten sich mit schmerzenden eitrigen Furunkeln. Von medizinischer Behandlung konnte keine Rede sein. Am Rande des Weges, den wir jeden Tag im Walde zur Arbeit zurücklegten, saß ein Invalide des Krieges. Er hatte keine Beine. Er verkaufte selbstgemachte Gummischuhe. Er machte sie aus Reifen. Sie sahen komisch aus, aber sie waren aus Gummi, also schützten sie vor Wasser.

Aber sie wurden nicht für Geld verkauft: ein Paar Gummischuhe - ein Laib Brot! Ein Laib Brot war in jener Zeit, in jenen Verhältnissen ein großer Reichtum. Wo kriegt man einen Laib Brot her? Man kann ihn von sich selbst wegnehmen. Ein Laib Brot - das war unsere Norm für 4 Tage. Also, wenn man sich das Brot nicht nimmt, muss man 4 Tage nur die Suppe essen - eine Schüssel trübes salziges Wasser, das komischerweise Suppe genannt wurde.

Es fiel schwer, diese Entscheidung zu treffen. Ich habe lange gezögert, ob ich es aushalten würde. Diese 4 Tage nicht zu essen und dabei so schwer zu arbeiten. Von meinem Entschluss wussten nur die älteren Frauen (ich war 17 Jahre alt), die neben mir auf der Pritsche schliefen. Am Ende des vierten Tages nach der Arbeit bekam ich mein Laib Brot. Wie freute ich mich, dass ich schon morgen meine Gummischuhe haben würde! Ich legte ihn unter meine Strohmatratze auf der Pritsche und ging aus unserer Erdhütte hinaus, um etwas wilden Sauerampfer zu sammeln. Wenn man ihn mit heißem Wasser begießt, ergibt er eine heiße saure Brühe, und man kann damit etwas den fürchterlichen Hunger stillen

Als ich an meinem Platz auf der Pritsche zurückkam, entdeckte ich, dass mein Laib Brot nicht da war . . .

Margarete Schulmeister, St. Petersburg
(aus dem Gemeindebrief der Deutschen Evangelisch-Lutherischen St. Annen und St. Petrigemeinde zu St. Petersburg, Erntedankfest 2001)