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Interview mit Frau Margarete Schulmeister aus
St. Petersburg
im Haus im Park am 18. Juni 2009
mit dem Redaktionsteam des Kollektiven Gedächtnisses.
Themenfelder:
Familie und Kindheit
Kriegserlebnisse und Nachkriegszeit
Zeit ab 1953
Heutige Sichtweise
NDR, Journalistin Frau König
Man kann sich das komplette Interview auch als
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K.: Warum ist es Ihnen wichtig, von Ihren Erfahrungen zu erzählen?
S.: 1945 kam ich das erste Mal in eine Klasse als Lehrerin. Ich habe
das ganze Leben zugebracht mit jungen Leuten. Ich gebe noch Nachhilfe zu
Hause. Dass man seine Erkenntnisse anderen weitergeben kann ist ganz
wunderbar. Vor kurzer Zeit haben mich Schüler angerufen, die vor 40 Jahren
die Schule bei mir absolviert haben. Sie waren beide in Stalingrad in einer
Schule für Begabte. Ich habe sie in Physik und Mathematik unterrichtet. Mit
ihnen war es sehr interessant. Ich fühl mich am besten, wenn ich mit jungen
Leuten zusammen bin.. Ich vermute, dass sie absolut nichts wissen von der
Vergangenheit. Einer meldete sich aus Kanada und einer aus Moskau. Beide
sind Professoren. Sie sind geboren 1952. Ich habe ihnen zugeschickt zwei
Artikel von mir und noch ein Interview in russischer Sprache von meinem
Vater. Als sie das bekamen, waren sie lange Zeit ganz still. Und dann haben
sie sich gemeldet. Sie wollen jetzt wissen, wie ich dahin gekommen bin in
die Verbannung.
Ich habe gelernt, ich muss den Leuten von der Vergangenheit erzählen. Wer
von der Geschichte nichts weiß, kann auch seine Geschichte nicht planen.
Deswegen habe ich immer großes Interesse, mit jungen Leuten zu sprechen.
K.: Sie haben eine ganz tolle Ausstrahlung. Kann es sein, dass das
damit zu tun hat, dass Sie viel mit jungen Leuten zu tun haben?
S.: Meine Grußmutter lebte 100 Jahre und mein Vater, ihr erster
Sohn, lebte 101 Jahre. Vielleicht habe ich auch eine Chance.
K.: Was lernen Sie von den jungen Leuten?
S.: Immer Interesse haben, für das was jetzt vorgeht, nicht immer
mit Erinnerungen leben – z.B. alles war früher anders. Ich bemühe mich eben,
mit diesen Interessen zu leben.
K.: Sie haben sehr Schweres erlebt und haben eine so positive
Ausstrahlung.
S.: Meine Mutter kommt aus einer sehr gläubigen Familie.
K.: Sie haben die schweren Zeiten nicht vergessen, aber sie leben in
der Gegenwart.
S.: Ja, unbedingt. Ich sage immer, es hilft ja nicht, das Beseufzen.
Wir haben sehr geschätzt, was uns das Leben so geschenkt hat. Schauen Sie,
mein Vater war 20 Jahre im Gefängnis und als wir die Rehabilitation und die
Perestroika hatten in unserem Land, hat er sich so des Lebens gefreut und
hat so viel gearbeitet, als wollte er einholen, was er versäumt hat in den
Jahren. Man muss sich freuen über den heutigen Tag. Das ist meine Meinung.
Vielleicht meinen die anderen, man muss sein ganzes Leben lang leben mit dem
Kummer und jammern. Aber heute ist ja auch wunderschön. Am Morgen war Regen
und jetzt scheint schon wieder Sonne und man muss sich darüber freuen.
An dieser Stelle wird das Interview durch Mitglieder des
Kollektiven Gedächtnisses fortgesetzt:
von links: Fabrizio Rojas
Margarete Schumacher
Ellen Lotichius
Silke Steinert

Ellen: Frau S., wenn sie zurückdenken an Ihre Kindheit, was haben sie für
positive Erinnerungen?
S.: Es gab so ein kleines Feldchen für Russlanddeutsche. Wir
gehörten zu diesem Völkchen.
Wir waren immer eigentlich etwas beleidigt. Warum sind wir Russlanddeutsche?
Wir sind Deutsche. Man sagt ja hier nicht in Deutschland z.B. Deutschtürken.
Entweder es sind Türken oder es sind Deutsche. Uns hat man eben so genannt.
Da war an der Wolga eine große Republik mit ungefähr 400 000 Einwohnern;
eine deutsche Republik Russlanddeutscher. Sie kamen 1765 aus Deutschland.
Hauptsächlich aus der Pfalz, Hessen und sie hatten es gut in Russland. Im
Verlauf von 100 Jahren mussten sie keine Steuern bezahlen, keinen
Militärdienst leisten. Es waren hauptsächlich Bauern und sie arbeiteten sehr
tüchtig. Schon in der vierten Generation man sagte so: In der ersten
Generation, das war der Tod, in der zweiten Generation die Not und in der
dritten Generation erst kam das Brot. Es war so anders in Deutschland, dass
die Bauern nicht wussten, was sollten sie anfangen. Manchmal im Verlauf von
zwei Jahren gab es keinen Tropfen Regen oder kamen die Sandstürme aus
Mittelasien, die fast alles vernichteten. Sie wussten nicht, welche Samen zu
nehmen sind, um ihre Äcker zu besorgen. Aber mit der Zeit waren sie sehr
tüchtig. Sie waren auf Kosten Russlands gekommen und zurück konnten sie
nicht. Also mussten sie arbeiten, arbeiten, schaffe, schaffe. In der vierten
Generation kam der Wohlstand schon sehr spürbar.
Meine Vorfahren mütterlicherseits waren im Schwarzwald Müller. Sie hatten
eine winzige kleine Mühle und in Russland hatten sie mächtige große Mühlen,
Dampfmühlen, Wassermühlen. In der vierten Generation konnten sie schon ihre
Kinder studieren lassen, sogar im Ausland, so wie die Geschwister von meiner
Großmutter und meiner Mutter. Ich bin 1925 geboren worden. Meine Kindheit
war eigentlich sorgenlos und die Steppen wurden schon in dieser Zeit in
blühende Gärten von den Deutschen verwandelt. Aber diese sorgenlose
Kindheit, die endete eigentlich 1937.
In den 30er Jahren fing in Russland der rote Terror an. In diese Mühle des
Terrors kamen auch mein Vater und viele Onkel und Tanten. Meistens wurden
sie erschossen. Da hatte die Kindheit ein Ende mit 12 Jahren. Mein Vater kam
für 20 Jahre ins Gefängnis. Wissenschaftler, Generäle, Schriftsteller, die
sich etwas erlaubt haben, das nicht angenehm war für den Staat, wurden
verfolgt. Besonders auch die Maler, die etwas gemalt hatten, z.B. eine Nase
bei Stalin, die länger geraten war. Die allermeisten wurden erschossen. Mein
Vater wurde auch zur Erschießung verurteilt. Aber dann wurde er begnadigt
und kam für 20 Jahre ins Gefängnis. Also mein erwachsenes Leben fing an mit
12 Jahren, denn die Mutter war sehr kränklich. Sie hat mich immer gefragt,
wie meinst du, wie meinst du. Nun, da musste ich meine Meinung haben und
musste dafür sorgen, dass wir nicht verhungerten. Nach zwei, drei Jahren kam
die Verbannung. Als der Krieg anfing, mussten alle Deutsche in ein paar
Tagen alles verlassen, was sie im Verlauf von fast 200 Jahren erwirtschaftet
hatten. Wir mussten alle in die Verbannung und da fing mein erwachsenes
Leben schon vollständig an. Das war schon keine Kindheit und keine Jugend
mehr.
E.: Wann kamen sie in die Verbannung.
S.: Am 28. August 1941 kam der Erlass. Die Russlanddeutschen
wurden erklärt als potentielle Volksfeinde. Wenn die Truppen an die Wolga
kämen, wir sie mit Freuden in Empfang nehmen und ihnen helfen könnten, war
die Befürchtung. In Russland waren zu der Zeit 365 Mill. Einwohner und wir
an der Wolga waren 400 000. Da waren wir so eine große Gefahr für den
mächtigen großen Staat, der stark bewaffnet war mit Panzern, Flugzeugen,
Raketen! Sie hatten Angst vor uns und wir mussten eben unsere Heimat
verlassen. Wir kamen nach Nordkasachstan und Sibirien. Sibirien – junge
Leute müssen sich mal die Karte anschauen: ab Moskau Ost 12 000 km. So viel
Platz war im Urwald.
Die Nachbarfamilien waren auseinander gerissen. Wir waren in Nordkasachstan
und Vater war in dieser Zeit da wo Russland schon endet, bei der
Beringstraße. Hier vor der Beringsstraße ist der Fluss Kalinar und hier
kamen die Haupthäftlinge hin. Da war mein Vater 20 Jahre. Und wir mit der
Mutter kamen nach Nordkasachstan.
Ellen: Wie lange waren Sie dort?
S.: Nach 29 Jahren sind wir zurückgekommen, aber nicht ganz
zurück.
Fabrizio: Was wurde Ihrem Vater denn vorgeworfen? Warum wurde er
inhaftiert und wie hat er das dann überstanden?
S.: Da war alles sehr organisiert. Alle waren Spione. Nur die
anderen, für die sie spionierten, wurden gewechselt. Heute mal deutsche
Spione, morgen mal ein polnischer Spion. Aber in dem Urteil steht – das habe
ich jetzt bekommen, nach dem Tode meines Vaters, er war Professor, er hatte
einen Lehrstuhl – er gibt den Studenten in seinen Lektionen nicht
Biologieunterricht, sondern er gibt ihnen Unterricht in terroristischen
Taten. In Russland gab es zwei große Feiertage: 1. Mai und der Tag der
Oktoberrevolution. Dann gab es immer große Demonstrationen auf dem Roten
Platz in Moskau. Und mein Vater hätte die Studenten vorbereitet, wenn diese
Demonstration in Moskau bevor stand und alle die Parteigrößen da auf der
Tribüne, würden sie töten. Man muss sich vorstellen, wie diese bewacht
waren. Also Spionage und Terror.
Adalbert (Redaktionsmitglied): Wann und wo sind sie Lehrerin geworden,
denn es ist ja schon sehr viel Zeit vergangen bis Kriegsende.
S.: Ja, diese Frage wurde oft gestellt, denn die Deutschen
durften doch nicht lernen und studieren und nichts. Das ist eine ziemlich
lange Geschichte. Als wir in die Verbannung kamen, wurden in einem Monat
alle Männer ab 15 Jahren bis 55 oder 60 Jahren weggenommen. Sie kamen in die
Arbeitslager in Zwangsarbeit. Es waren Lager mit Bewachung durch Hunde und
so weiter. Hoch im Norden haben wir aufgebaut die Fabriken, die die
Flugzeuge, die Panzer gemacht haben. In der Ukraine war ja schon Krieg, also
konnte man da nicht herstellen. In zwei Monaten haben sie auch die Mädchen
und die Frauen – ich war 16 – in den hohen Norden gebracht. Ich kam in die
Arbeitsarmee. Beim Polarkreis dort liegt die Stadt Workuta – ein sehr
schlechter Ort.
Ich habe zu Hause 8 Klassen absolviert und dann hatte ich 3 Jahre Pause.
Dann, als ich entlassen wurde aus der Arbeitsarmee, weil ich schon nichts
mehr taugte zum Arbeiten, bin ich in den Ort gekommen, wo meine Mutter war,
in Nordkasachstan. Ich habe hier sehr gejammert, ich möchte doch lernen und
wenn ich nicht lerne, muss ich in diese Kolchose gehen und arbeiten. In
diesem Ort war die Schule. Direktor war ein alter Mann namens Lifschitz. das
war ein alter Jude. Er war von der Front sehr verwunde gekommen und hier hat
er eben die Arbeit eines Direktors der Schule bekommen. Und dann bin ich zu
ihm gegangen. Ich war ganz jämmerlich, abgemagert und krank und habe ihm
gesagt: „ Ich möchte doch so gern die Schule abschließen. Mir fehlen noch
die 9. und die 10. Klasse“. „ Ja, sagte er, „wie macht man das. Ich
überdenke das. Du müsstest auch das Examen machen für die zwei Klassen“.
Dann sagte ich: „ Ich mach das“. Er antwortete: „Na ja wie, du hast doch
nicht gelernt in diesen 2 Klassen“. Ich sagte: „Ich habe eine Schwester
Ilse, die drei Jahre älter ist und da habe ich immer sommers in den Ferien
ihre Bücher mit Interesse gelesen und durchstudiert. Wenn sie mir drei Tage
geben, könnte ich mich vorbereiten für die 9. und 10. Klasse“.“ Na ja“,
sagte er, „ich darf das eigentlich nicht, aber wir probieren es so“. – Ein
Mensch war das! Er war Jude, seine Familie ist umgekommen in der Ukraine die
ersten Tage im Krieg. Er war verwundet im Krieg und ich war ein unbekanntes
deutsches Mädchen und er hat mir das Leben auf viele Jahre, bis jetzt kann
man sagen, gerettet. Nach drei Tagen bin ich hingekommen und der Lehrer in
Mathematik war auch ein Jude, ein Verwundeter von der Front. Nach zwei
Stunden hatte ich es geschafft. Und dann hat er gesagt: „Was wollen sie
jetzt weiter machen?“ Ich habe gesagt: „ Ich muss jetzt in die Kolchose
arbeiten gehen“. Aber ich war glücklich, dass ich das Papier hatte, dass ich
die Schule absolviert hatte. Sagte er: „Weißt du was? Du warst so tüchtig in
Mathematik. Willst du als Lehrerin an meine Schule kommen?“ Sagte ich:“ Ich
hatte eigentlich nie im Sinn Lehrerin zu werden. Ich wollte Akademikerin
werden, aber als Wissenschaftlerin arbeiten“. “Das kommt später und jetzt
nehme ich dich als Lehrerin“. Und am 23. August 1945 hatte ich meine erste
Anstellung an der Schule Nr. 4. Und von da an bis jetzt bin ich Lehrerin.
Aber ich hatte kein Studium. Also habe ich 14 Jahre gearbeitet ohne Diplom.
Ich habe Mathematik und Physik unterrichtet.
Nach Stalins Tod habe ich gleich ein Fernstudium eingereicht und sie haben
mir zweimal im Jahr die Aufgaben geschickt. In drei Jahren habe ich das
Diplom bekommen für die vollständige pädagogische Ausbildung.
Frage: Was haben Sie in der Arbeitsarmee gemacht?
S.: Kein Mann hätte heute diese Arbeit gemacht, die wir mit
Händen gemacht haben. Wir sind hinausgefahren in den Urwald, die Taiga. Es
musste Platz gemacht werden, um zu bauen an diesen Stellen. Wir mussten die
Bäume fällen. Das ist eine furchtbar schwere Arbeit. Also die Bäume in der
Taiga die sind so, man konnte sie zu zweit kaum umarmen. Ganz primitives
Werkzeug hatten wir. Mit einer stumpfen Säge sägten wir zu zweit tagelang.
Wir wussten nicht, wohin der Baum fällt. Wir waren sehr viele. Wenn jeder
nur in 2 Tagen einen Baum fällen konnte, der Platz wurde doch frei und dann
fingen wir an auszugraben. Alles per Hand. Dort in jener Gegend ist
eigentlich immer Frost. Im Juni / Juli so ungefähr 15 cm in der Erde. Wir
waren aber sehr sehr viele. Alle Russlanddeutschen und auch viele Polen
waren dabei.
Fabrizio: Wie viele Stunden am Tag mussten Sie dort arbeiten?
S.: Um 8 Uhr morgens mussten wir schon mit diesen Dingen
beginnen und um 8 Uhr abends gab es eine Sirene. Wir mussten hingehen und
Schlange stehen und das Werkzeug abgeben, wo es hingehörte. Inzwischen
hatten wir ½ Stunde Zeit. Wir bekamen einmal am Tag eine Schüssel mit einer
komischen weißen Suppe und ein Stück Brot. Das waren 800 g. Das war Stroh,
Kartoffelschale und vielleicht auch etwas Getreide. Es war so groß wie ein
Stückchen Seife. Einmal am Tag und nichts mehr. Ich hatte das Stückchen Brot
geteilt und eine Hälfte aufbewahrt, denn ich wusste, das hat mein Vater oft
erzählt, wenn man ganz geringes Essen bekommt, man darf es nicht auf einmal
essen. Das ist sehr schwer. Das ist gefährlich. Und wirklich, die ersten
waren gestorben, diejenigen, die das Stück Brot auf einmal gegessen haben.
Ich habe mir immer die Hälfte eingesteckt.
Wir wohnten in Erdhütten. Dazu wurde die Erde ausgegraben 40 m lang und ca.
3 m tief. Aus Holzbalken wurden Dächer draufgesetzt. Da sind wir rein
geschlupft und da waren Pritschen mit Stroh. Sehr kalt war es da. Das
gehörte zu unserem Leben. Ich habe das ausgehalten bis 1944. Dann bin ich
nach Hause gekommen nach ungefähr 2 ½ Jahren. Ich war krank und sehr mager.
Silke: Bitte erzählen Sie etwas über die Kriegs- und
Nachkriegserlebnisse bis 1953
S.: Ich kam in den Ort, wo meine Mutter war und das fing da
an mit meiner Ausbildung und ich arbeitete als Lehrerin. Wir mussten jede
zwei Wochen in die Kommandantur gehen, dass wir noch da sind. Nach Stalins
Tod hofften wir, nun werden wir frei. Aber die Hoffnung war unnötig. Noch 3
Jahre nach Stalins Tod mussten wir zur Kommandantur gehen.
E.: Wann begann für Sie ein halbwegs normales Leben?
S.: Normales Leben? 1961! 1956 wurde uns gemeldet, wir
brauchen nicht in die Kommandantur und wir können uns in den Zug setzen und
irgendwohin fahren – aber zurückkommen. Aber wir durften in keinem Fall in
diesen Ort, von wo wir in die Verbannung kamen. Wir durften nicht dort hin,
wo unsere Heimat war. Ich meine, das war aus dem Grund, weil die Menschen
alles verlassen mussten: ihre Häuser, ihre Wirtschaft – und dann kommen sie
zurück nach 20 Jahren und werden sagen, die Russen sollen raus aus den
Häusern. Wahrscheinlich hat die Regierung eben Angst gehabt, dass wir kommen
und sagen, gebt uns zurück, was wir verlassen haben. Deswegen konnten wir
überall hin, außer in die Heimat und minus 32 Städte. Also wir durften uns
in 32 Städten in Russland in keinem Fall zeigen. Das waren Städte wie
Petersburg, Moskau, Kiew, Tiflis. Das waren die großen Städte und Orte, wo
Militärindustrie war.
Meine Familie ist noch sechs Jahre geblieben, denn nirgends hat uns einer
erwartet. In der Verbannung konnten wir nur nehmen, was die Hände tragen
konnten. Was konnten wir tragen? Nun wir sind dann bis 1961 noch in Sibirien
geblieben, in Krasnurjask am Baikalsee. Der Baikalsee ist der größte See mit
dem größten Vorrat an Wasser auf der ganzen Erde .Und dort waren wir die
letzten zwei Jahre. Und dann, Vater hat Angst gehabt. Unser Schicksal ist
Sibirien, wir dürfen uns dort nicht zeigen. Wenn wir dort hinkommen, werden
wir wieder am Kragen genommen. Aber ich habe so gebeten, wollen wir es doch
probieren. Dann sind wir an die Wolga. Wir durften wieder nach Stalingrad.
Aber das war eine persönliche Erlaubnis dazu, weil der Gouverneur von
Stalingrad in jenem Moment der gewesene junge Doktorand von meinem Vater
war. Er musste sechs Monate bei der Regierung in Moskau Anträge stellen. Sie
sollten doch den alten Professor kommen lassen. Sie wollten ihm nämlich
einen Lehrstuhl geben. Sie wollten ihn nehmen als Biologen, weil er doch so
tüchtig ist. Dann haben wir endlich die Erlaubnis bekommen, 1961 nach
Stalingrad zu kommen.
E.: Frau S., Bei allem, was Sie so durchgestanden haben, auch als
junges Mädchen im Lager, woher haben Sie die Kraft genommen, das alles
durchzustehen? Ist das der Glaube?
S.: Nun, ich mein doch, Glaube ist auch Genetik. Vom Vater
seine Mutter, eine geborene Weinle, das war eine faszinierende,
arbeitslustige, starke Frau. Zehn Kinder hat sie geboren, auf dem Acker und
auf dem Hof gearbeitet. Sie war nie krank und ihre einzige Angst, die sie
mir mit 70 ungefähr gesagt hat, war „Ich denk, ich denk ich werde mal alt.
Also mit 70 war sie noch nicht alt hat sie gemeint. Ihr war der Gedanke
peinlich, dass sie mal die Arbeit nicht machen kann. Ich mein die Hauptsache
ist, der Mensch muss arbeiten. Arbeiten und immer Aufgaben geben seinem
Kopf.
Ute Ising (Redaktionsmitglied): Sie und Ihre Vorfahren haben sich
immer als Deutsche gefühlt. Ist es Ihnen von den Russen übel genommen
worden?
S.: Bis zum Anfang des Krieges am 22. Juni 1941 hatten wir
absolut keine Probleme mit den Russen. Wir lernten in einer Schule und wir
studierten. Es waren sehr viele Wissenschaftler unter den Deutschen – Ärzte,
die besten Ärzte, Architekten, Musiker – alles mögliche. Da waren Deutsche
und da ist keiner gekommen und hat gesagt „Du Deutscher da“. Das kam über
Nacht. Die Propaganda hat so gut gearbeitet in Russland. Also in einer Nacht
haben sie es so weit geschafft, dass wir am Morgen des 22. Juni 1941 den
Namen „Faschist“ bekamen. Einen anderen Namen hatten wir nicht. Sogar 20
Jahre danach, als mein 4-jähriger Sohn reingekommen ist ins Haus und einen
Blutstrich am Kopf hatte und ganz verwunderte Augen und keine Tränen, obwohl
das Blut geflossen ist, kleines Kindchen. Da habe ich gefragt: „Was ist?“ Da
fragt er mit ganz nüchterner Stimme, kein Weinen, „Mama, was ist das
Faschist?“ „Wer hat dir das gesagt?“ Na ja, der und der, hat er genannt
seinen Freund, Spielkameraden, mit dem er diese ganzen Kinderjährchen
zusammen gespielt hat.
Aber zu Hause hat der Junge jetzt erfahren, das sind doch Faschisten und das
erste, was er gemacht hat, er hat mein Kind verletzt und hat gesagt: „Du
bist ein Faschist“. Also die Propaganda hat sehr sehr schnell gewirkt. Das
war 1956. Die Propaganda war so tief. Am 22. Juni 1941 fing der Krieg an und
in unserer Stadt waren sehr viele Deutsche, ungefähr 25 %. Zu dieser Zeit
studierten schon die Kinder an der Universität. Und oft in den
Verkehrsmitteln, da hat man von einer Seite im Bus deutsch gesprochen zu der
anderen Seite. Dann ab 22. Juni morgens war das nicht mehr möglich.
Fabrizio: Wie sind Sie denn damit umgegangen, dass die Russen sich
jetzt anders verhielten?
S.: Wir hatten nicht viel Zeit zum Umgehen. Sie haben uns
vertrieben.
Ellen: Aber Sie lebten schon über 200 Jahre in Russland. Sie haben
sich nie als Russen gefühlt.
S.: Nein, wir haben zu Hause nur deutsch gesprochen. Meine
Großmutter Schulmeister konnte kein Wort russisch, obwohl sie ihr ganzes
Leben hier gelebt hat. Sie war schon in der 6. Generation in Russland. Sie
war immer Deutsche und das war auch nicht verboten. Das gab sogar deutsche
Schulen. Ich habe an einer deutschen Schule angefangen zu lernen. 1937
begann der rote Terror und das hing nicht nur an den Deutschen. Das waren
z.B. auch Georgier oder wenn du gebildet und intelligent warst oder so. Du
musstest nur nicht als Russe zählen.
Fabrizio: Blieb das dann so, dass z.B. die Deutschen untereinander
geheiratet haben oder kam es auch zu deutschrussischen Familien?
S.: Die Generation von meinen Eltern, das war die erste
Generation, wo die gemischten Ehen angefangen haben. Die jungen Leute haben
schon studiert und dann haben sie sich russische Partner genommen. Meine
Kusinen z.B. haben eine russische Mutter. Wir haben alle deutsch gesprochen,
wir haben es gelernt. Es ging alles gut bis zum Anfang des Krieges hatten
wir keine Probleme.
Frage: Sie hatten gesagt, dass mit dem roten Terror und der Propaganda es
verboten war, deutsch zu sprechen. Hat ihr Sohn illegal deutsch gelernt bei
Ihnen zu Hause?
S.: Wir haben mit meiner Mutter wenn kein Fremder dabei war
bis zum letzten deutsch gesprochen. Als mein Sohn sechs Jahre war, das war
196o, haben wir beschlossen, wir geben ihm Unterricht zu Hause. Schreiben
und Lesen und das habe ich dann gern gemacht und da ging er schon in die
erste Klasse in der Schule. Wir haben ihm dann nicht gesagt, Pass auf damit.
Wir wollten ihn nicht so erziehen, dass er 2. Sorte ist und er sollte sich
schämen vor den anderen Kindern. Er hat bloß einem von seinen Schulkameraden
gesagt, ich habe heute Deutschunterricht. Die Mama und Oma geben mir
Unterricht. Er ist ganz niedergeschlagen gekommen, die Augen runter, er hat
nie geweint, auch diesmal nicht, aber er hat mit seiner sehr festen
Kinderstimme gesagt „ab heute werde ich keinen Deutsch lernen“. Ich habe
alles verstanden. Ich sagte: „Willst du mir noch etwas sagen?“ „Sie haben
mich sehr ausgelacht und haben gesagt, ich lerne die faschistische Sprache.“
Wir haben mit der Mutter dann beschlossen, wir werden das Kind nicht in
Gefahr bringen. Er versteht viel und kann hervorragend Englisch, weil das
seine Arbeit berührt. Das war damals in allen Familien so. Die Kinder haben
sich verbabbelt mit ihren Kameraden und dann hieß es „oh, du lernst die
faschistische Sprache. Das waren schon fast 20 Jahre nach dem Krieg.
Frage: War dieser ganze Zeitraum für ihren Sohn auch eine schwere
Zeit?
S.: So kann man sagen, ja.
Frage: Was macht Ihr Sohn heute?
S.: Also wir lebten in Wolgograd, in sowjetischer Zeit war
Stalingrad in Wolgograd umgetauft, und er hat die Schule sehr gut gemacht
und ist in Petersburg zur Uni gegangen. Er studierte Mathematik, Physik und
Chemie und zusätzlich Englisch. In dieser Gruppe waren nur sehr begabte
junge Leute, es waren nur Jungen. Sie hatten 58 Lehrstunden pro Woche. Das
Schaffen und das Lernen war bei ihnen so wie bei den Schwaben das Schaffen.
Das produzierte bei ihnen noch mehr Kraft. Dann hat er die Doktorarbeit
gleich gemacht und wurde Chef von einem Laboratorium für physikalische
Chemie. Dieses Laboratorium hat sich mit Treibstoff für die Raketen befasst.
Das war eine sehr ernste Arbeit und sie verdienten auch gut. Dann ist das
Unglück in unsere Familie gekommen. Er hat an einer roten Ampel gestanden
mit seinem kleinen Autochen und hat auf das grüne Licht gewartet und hinten
ist ein mächtiger großer Militärlastwagen drauf gedonnert. Die
Schwiegereltern waren tot in dem selben Moment und er ist
querschnittgelähmt.
Jetzt sitzt er schon sieben Jahre im Rollstuhl. Aber er hat seine
Professorenarbeit schon im Rollstuhl gemacht. Seine Freunde haben ihn auf
den Händen in diesem alten Gebäude der Uni in Petersburg, es gibt keine
Aufzüge und die Gebäude stammen noch von Peter dem Großen und die Auditorien
sind 6 m hoch, in den 3. Stock getragen. Und da haben sich seine Freunde
abgewechselt. Sie sind sehr gut zu ihm. Sie studierten vom ersten Semester
an zusammen und jetzt ist er eben Professor und er bekommt ein Viertel des
Professorengehaltes. Das sind 80,-- Euro pro Monat. Dafür ist er zu Hause
Doktorvater. In diesem Jahr hat er ein Mädchen, das die Doktorarbeit macht
und außerdem kommen oft Studenten, die etwas konsultieren wollen aus
Mathematik und Physik. Er wird sehr stark wund, aber er jammert nie. Seine
Freunde, mit denen er angefangen hat zu studieren mit 17 Jahren, die
besuchen ihn oft.
Fabrizio: Die Zeit ab 1953 steht ja für Begriffe wie „Tauwetter“, „Entstalinisierung“
oder auch die Namen Chruschtschow und Breschnjew. Was war in dieser gesamten
Zeit für Sie das intensivste, an das Sie sich erinnern können, was Sie sehr
miterlebt haben.
S.: Also das „Tauwetter“: Wissen Sie, wenn sehr tiefer Frost
ist, dann muss viel Zeit vergehen, bis das alles abtaut. Also in Russland
war das schon so: Etwas „Tauwetter“, dann ist es wieder gefroren. Dann war
wieder etwas getaut. Also zum Tauen sind wir ziemlich spät gekommen. Das
erste Tauwetter fing an, natürlich, als Stalin starb. Für uns jedenfalls.
Wir waren doch in einer Gesellschaft, wo alle verbannt waren. Das war eine
große Freude. Aber hier in Moskau, sehen Sie, haben viele Menschen geweint
und viele sind sogar angekommen bei der Beerdigung. Jeder wollte den „Vater
von allen Völkern“ doch sehen. Bei Chruschtschow war wirklich etwas
„Tauwetter“. Aber wir blieben noch in der Verbannung. Bei uns hat es später
angefangen „zu tauen“. Erst 1946 durften wir hin und zurück und dann gab es
einen Erlass, von dem ich jetzt vor kurzer Zeit in einem Buch von einem
deutschen Professor erfahren habe. Dieser Erlass wurde uns nicht gemeldet.
Aber er existiert – das war für das Ausland. Dass 1964 ein Erlass kam in der
russischen Regierung, dass die Russlanddeutschen rehabilitiert wurden. Aber
wir haben das nicht erfahren. Das habe ich erst jetzt 2009 erfahren. 1972
gab es den Erlass, dass uns erlaubt wurde, dass wir hinfahren konnten, wohin
wir wollten. Alle Städte waren offen und das wussten wir nicht. Als mein
Sohn 1971 in die Uni musste nach Petersburg dachten wir, wie wird das sein.
Aber er ist eben durchgekommen.
Und 1991, also 50 Jahre nach der Verbannung und nachdem wir als Volksfeinde
erklärt wurden, kam die Öffnung. Jeder von uns bekam das Papier. Das war
Jelzin, dass wir rehabilitiert wurden. Was bedeutet Revolution? Also z.B.
kommt einer „Du hast getötet“ und ich komme in Gefängnis für 50 Jahre. Und
dann stellt sich heraus, dass das nicht ich habe gemacht, sondern sie haben
das gemacht und ich werde jetzt rehabilitiert, also in 55 Jahren. Jelzin hat
ja Schreckliches getan und er hat ja eigentlich die ganze Wirtschaft
zerstört, aber wir sind ihm dankbar. Mein Vater hat es noch erlebt. Wir
haben jeder ein Papier bekommen, dass wir nicht schuldig sind und auch mein
Sohn, er wurde 3 Monate vor Stalins Tod 1952 geboren. Ich bekomme jeden
Monat 30,-- € seit 5 Jahren dafür dass wir vor 50 Jahren als Volksfeinde
erklärt wurden.
Ellen: Sie haben 1991 erst wieder eigene Ausweispapiere bekommen, mit
denen Sie überall hinreisen konnten?
S.: Ja, wir konnten.
Silke: Würden Sie heute nach Deutschland ziehen wollen?
S.: Als die Mauer fiel, da war doch der Zeitpunkt, wo
eigentlich für uns die richtige Freiheit begann. Es sind von uns alle
Verwandten nach Deutschland rüber und wir mit dem Vater haben auch
eingereicht, obwohl der Vater das nicht wollte. Aber ich wollte. Ich sagte:
„Papi, ich will wenigstens meine letzten Lebensjahre Russland von weitem
anschauen, ganz von weitem.“ Na und dann habe ich auch die Papiere bekommen.
Die habe ich jetzt schon 18 Jahre. Aber: Mein Sohn ist behindert und sie ist
eine Russin. Die Ausreiseanträge haben wir für die ganze Familie: ich und
für meinen Vater und den Sohn und seine Familie und sie hat gleich gesagt: „Njet,
in keinem Fall“. „Nun“, sage ich dem Vater, „wollen wir hinüber. Vielleicht
kommen nach einiger Zeit die anderen auch“.
Mein Vater ist geboren 1895 in einem katholischen Dorf an der Wolga. Sein
Vater war ein tüchtiger Bauer. Er verstand schon, dass wenn wir in Russland
leben müssen, wir die russische Sprache sprechen und müssen uns doch
bemühen, eine Ausbildung den Kindern zu geben. Denn die ersten hundert Jahre
waren steuerfrei, militärdienstfrei und dann muss man sich doch nach und
nach integrieren in das Leben in Russland. Er hat den siebenjährigen
ältesten Sohn, also meinen Vater, einen blonden Jungen mit einem Strohhut
auf, sehr großen Augen, mager und krummen Beinchen dabei – so hat jedenfalls
die Großmutter erzählt – hat er ihn auf die Kutsche gesetzt und in die
russische Stadt gefahren, ungefähr 100 km, da wo ein Gymnasium war. Kein
Wort russisch sprach das Kind, scheu war er, hat er ihn aufgepackt und hat
einen Brotsack zurecht gemacht und hat der Vater ihn zum Gymnasium gebracht
und eingeschrieben. In eine russische Familie hat er ihn zur Pension
gegeben. Als Zahlung für das Leben in dieser Familie sollte er den Samowar
anstellen am Morgen und er musste das Baby, wenn es weinte, in der Wiege
schaukeln. Das war die Zahlung für die Pension. So kam das Kind in die
Klasse in der russischen Stadt – russische Lehrer, russische Kinder. Zum
Ende des ersten Schuljahres hat er fließend russisch gesprochen und in 12
Jahren war er der erste Schüler, der absolviert hat das Gymnasium.
Aber nach der dritten Klasse, als er schon schreiben und lesen konnte in
russisch, ist der Großvater aus dem Dorf gekommen und hat gesagt: „Jetzt
kannst Du russisch lesen und schreiben. Das reicht uns. Wirst mir jetzt in
der Wirtschaft helfen“. Und ist zu dem Rektor des Gymnasiums gegangen. „Also
gib mir die Papiere, dass Konstantin drei Klassen Gymnasium absolviert hat“
und der Kleine hat angefangen schrecklich zu weinen: „Papa, ich will lernen,
Papa, ich will lernen“. „Nein ich hab kein Geld, das muss doch bezahlt
werden“. Das war noch die Zarenzeit. Das hat der alte Rektor vom Gymnasium
angeschaut und gesagt: „Wissen Sie her Schulmeister, das ist unsere
Hoffnung, Ihr Sohn. Warten Sie bis morgen. Ich gebe Ihnen morgen Antwort.
Übernachten Sie hier in der Stadt. Morgen kommen Sie mit dem Jungen.“ Am
Morgen kamen sie, der Kleine verweint, der Großvater ganz ernst gestimmt und
sagte der Rektor: „Wissen Sie, ich habe eine große Neuigkeit für Sie. Die
Stadt wird das Lernen für Ihren Sohn bezahlen, so lassen Sie ihn. Das wir
Sie nichts kosten. Wir nehmen ihn in Pension und die Stadt bezahlt“. Er ist
später ein sehr großer Wissenschaftler geworden und als junger Mann von 23
Jahren wurde er schon Direktor von einer großen wissenschaftlichen Station,
die viele Forschungen gemacht haben und mit 43 Jahren, als sehr
hervorragender Wissenschaftler war er unter denen, die zu klug waren und 20
Jahre in Haft kam. Nachdem er zurückkam, hat er noch 39 Jahre gelebt.
Als die Erlaubnis zu unserem Ausreiseantrag kam, war Vater 96 Jahre alt und
hat gesagt: „Ich versteh doch ja, wir haben so viel hier gelitten“. Das war
alles jetzt vorbei und das Leben hat sich stabilisiert und er hat schon
viele Studenten und Nachfolger für seine ehemaligen Doktoranden. Sie wurden
schon Akademiker zu dieser Zeit und hat er mit ihnen so interessante Arbeit
gehabt und immer davor schon sagte er: „Jetzt ist schon alles vorbei. Jetzt
haben wir es doch so gut hier. Du arbeitest in so einer privilegierten
Schule für begabte Kinder und schau mal bei mir: So viele meiner ehemaligen
Doktoranden arbeiten mit mir zusammen. Wenn ich jetzt fortfahre – es haben
so viele neue Themen angefangen und die Forschungen sind noch nicht fertig.
Wir haben noch ein paar Jahre nötig, um die Forschungen zu beenden. Weißt
Du, wenn ich sterbe, da fahrste“. Wissen Sie und ich konnte nicht. Mein Sohn
konnte nicht fahren wegen der Frau und ich konnte mit dem Vater nichts Böses
antun. Er wollte bleiben um die Forschungen zu Ende zu machen. Weil er so
viel gelitten hat und will ich ihn jetzt mit Gewalt nehmen und dann nach
Deutschland gehen? Und dann hat er gesagt, wie ein Kind: „Schazu mal, wir
kommen dorthin und keiner, keiner wird uns Fragen stellen und bei uns zu
Hause, bei unseren Studenten, ist es ganz anders“. Na, und so sind wir
geblieben. Aber dann, als der Vater gestorben ist, hundert Jahre und acht
Monate war er – ich zeig Ihnen jetzt das Bild schnell von ihm – da bin ich
nach Petersburg, wo mein einziger Sohn lebt und da habe ich die Gemeinde.
Eröffnet wurde die Kirche und die St. Petri Gemeinde mit der wunderschönen
Kirche. Da bin ich gleich in den Kirchenrat gekommen und dann bin ich die
Vorsitzende vom Ältestenrat geworden und dann hatte ich ein Projekt mit
Straßenkindern. Na und jetzt muss ich das fertig machen. Wenn ich kann, dann
komme ich nach Deutschland.
Wir sind so vertieft in unsere Gemeindearbeit, weil doch 75 Jahre der Glaube
verboten war. „Glaube ist Opium für das Volk“ hieß es. Also wir mussten den
Kommunismus anbeten. Manche haben ihn angebetet und die, die ihn nicht
anbeten wollten, die mussten still sein. Und jetzt auf einmal kam die
Freiheit. Wir haben die Kirche und wir können offen sagen, ja ich bin
gläubig, ja ich gehe in die Kirche. Also mit der Orthodoxen Kirche haben wir
absolut keine Probleme. Wir machen ökumenische Gottesdienste. Sie kommen zu
uns, wir besuchen sie. Aber bei den Orthodoxen musst du viel stehen, da
haben wir es schon lieber, sie kommen zu uns. – Jetzt geht es geht es gut.
Wenn das Unglück z.B. mit meinem Sohn nicht wäre, würde ich sagen, wenn ich
schon jene Zeit habe durchgemacht, so gibt es nun keine Probleme. Jetzt sagt
mir keiner, ich war ein Faschist und ich kann laut sprechen und auch auf
Deutsch.
Manfred Schulz (Redaktionsmitglied): Ihr habt über die Jahrhunderte
Eure Sprache und Kultur bewahrt. In Deutschland ist das ein Problem, wenn
sich die Migranten nicht integrieren.
S.: Ich mein, das sind unvergleichbare Momente, weil wir sind
gekommen – eine gute Menge – aus Deutschland. Sie waren in den
Wolgakolonien, außerdem waren noch Kolonien am Schwarzen Meer – die sog.
Schwarzmeerschwaben, waren Kolonien im Kaukasus und eine ganze Menge
Deutsche waren in Petersburg. Das waren alles persönlich eingeladene
Spezialisten. Das begann mit Peter dem Großen. Ärzte – es gab überhaupt
keine Möglichkeit zur Ausbildung -, Lehrer, Musiker, Architekten und
Handwerker. Wunderschöne Schlösser haben sie gebaut. Also wir sind daher
gekommen und waren eingeladen um hier zu wohnen. Die Verhältnisse dort waren
sehr schwer. Die Russen haben viele Mal probiert, dieses Gebiet anzusiedeln
mit Russen. Die sind in ein paar Jahren zurück in ihre Dörfer und die
Deutschen mussten bleiben, sie hatten keinen Weg zurück. Wir haben wirklich
unsere Kultur, Sprache und Lebensart bis zum Letzten sehr gepflegt.
Ellen: Aber Sie haben auch russisch gelernt?
S.: Nein, in der Wolgarepublik gab es von Anfang an deutsche Schulen,
vom 18. Jahrhundert an. Ich mein, die Türken in Deutschland sind doch
gekommen, um hier zu arbeiten.
Manfred: Aber sie sind auch gebeten worden und zwar Millionen. Und
auch für die Tätigkeiten, die wir nicht machen wollten. Dazu holen wir z.B.
auch Leute aus Polen. Es ist natürlich nicht ganz vergleichbar.
S.: Wir Deutschen sind in ein Land gekommen, wo keine Hochschulen und
keine Berufsausbildungen und nichts, keine Ärzte, keine Lehrer, nichts war.
Und deswegen, weil unsere Leute sehr tüchtig waren. Also wir haben nach
Russland gebracht die Kultur und deswegen waren wir sehr angesehen. Wir
waren für die Russen ein Beispiel für Lebensart, in der Arbeit und deswegen
haben wir nie gelitten – bis 1941.
Bernhard Nette (Redaktionsmitglied): Es gibt eine gemeinsame
Geschichte im 2. Weltkrieg von Russen und Deutschen, die unheimlich
schwierig ist. Wie ist denn die Zukunft zwischen diesen beiden Ländern? Wie
ist dieses Verhältnis, gesehen von St. Petersburg, heute und in Zukunft?
S.: Erstens – das gehört nicht zur Antwort – ich will sagen,
dass Russlanddeutsche schon sehr wenige in Russland geblieben sind. Meine
Generation ist die letzte, die noch das Deutschtum erhalten hat. Wir haben
Deutsche geheiratet, unsere Kinder sind als Deutsche geboren, wir sprechen
deutsch, wir kochen deutsch, aber wir sind die letzten und ich bin schon 84
Jahre alt. Wer steht hinter mir? Die Jüngeren, die in der Verbannung geboren
wurden, die können die Sprache nicht und die sind eigentliche alle
ausgewandert. Also Russendeutsche gibt es fast nicht, nur Einzelne.
Das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland: Leider ist das so, nach
beiden Weltkriegen, Russen und Deutsche sind ewige Freunde und Feinde. Also
Deutschland und Russland waren beim Zaren Johann (Iwan) dem Schrecklichen im
15. Jahrhundert befreundet. Mit keinem anderen Land war Russland so
befreundet. Sie holten sich die Handwerker aus Deutschland, die Lehrer. Sie
holten sie nicht aus Schweden oder Italien, oder Frankreich, sondern aus
Deutschland und sind in einem mächtig großen Teil Moskaus, einem offiziell
deutschen Bezirk, angesiedelt worden. Also von je an hat Russland zu
Deutschland immer eine Beziehung gehabt, wunderbarerweise. Und doch, der
Erste Weltkrieg war zwischen Russland und Deutschland und der Zweite, also
zum Verrücktwerden. Der letzte Zar Nikolaus II hatte teilweise deutsches
Blut.
S.: Die Jungen müssen wissen, man darf keinen Krieg beginnen für
nichts und wieder nichts. Seid klüger als unsere Generation!
Ich bin in Reutlingen zum Gemeindefest eingeladen, mit denen mache ich ein
Kinderprojekt in Petersburg. Außerdem habe ich ein großes Kinderprojekt für
Schulspeisung in Petersburg gemacht. Es gibt noch so viel für mich zu tun.
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