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Vergib deinen
Verrätern
Ich war sehr überrascht und es gab auch
wirklich allen Grund dazu, als ich erfuhr, dass es in Volgograd einen Mann
gibt, der am 17 April 100 Jahre alt wird und zudem noch ein Absolvent
unserer Akademie von 1918 ist. Noch mehr haben mich aber folgende in der
Zeitschrift „Meliorativnyi Vestnik“ erschienenen Worte des Akademikers A.S.
Maslov überrascht: Ein ungewöhnlicher, beispielloser Fall, und zwar nicht
nur in Russland: Das 100jährige Jubiläum eines Wissenschaftlers wird in
seiner Anwesenheit und mit/unter seiner aktiven Teilnahme begangen.
Auf den ersten Blick scheint es, als sei Konstantin Georgievich ein
Monolith. Aber im wirklichen Leben ist er ganz eindeutig kein Riese. Er ist
nicht besonders groß, eher schlank und blickt gerade heraus. Ich hatte
anfangs angenommen, dass er nicht so gut sehen kann, es hat sich jedoch
herausgestellt, dass er nicht einmal zum Lesen eine Brille benötigt. Aber
eine gewisse Monolithät existiert dennoch. Sie und diese Charakterstärke,
sein Mut, die beneidenswerte Gradlinigkeit, welcher Ehrlichkeit und der
Glaube an das, was er sagt, innewohnen. Hinzu kommt die Aufrichtigkeit, die
sich in den Jahren harter Prüfungen und nach der Rehabilitation gebildet und
an Standhaftigkeit gewonnen hat. Und eben darin entdeckte ich seine
Monolithät und Standfestigkeit
Und auch jetzt, während unserer Unterhaltung in seiner Wohnung, kann ich
nicht anderes, als die Eintracht seiner Gradlinigkeit, der Barmherzigkeit
und Milde, denen gegenüber, die ihn verraten haben, zu bewundern.
Beneidenswerte Eigenschaften in unserem erbosten, erbittertem Jahrhundert.
Vor allem für einen Hundertjährigen.
Wir trafen in dieser Stadt mit dem Fotokorrespondenten der Zeitschrift „Rossia“,
dem A. Kobylov, ein. Gleich nach der Ankunft brachen wir mit dem auf uns
wartenden Auto ins Zentrum der Stadt auf, wo der Professor mit seiner
Tochter wohnt. Ich habe schon im voraus mit dem Prorektoren der VSKHA sowie
mit Konstantin Georgievich telefoniert und alles abgesprochen, und nun sind
wir bereits in der Wohnung, wo Arkadii taktvoll beginnt, Photos zu machen.
Er hatte lediglich fünfzehn Minuten für die Aufnahmen und als er dann
gegangen war, schaltete ich mein winziges Aufnahmegerät ein.
Konstatin Geprgievich beantwortete meine Fragen präzise, ausführlich und
sogar umfänglich. Es gab keine Notwendigkeit nachzufragen oder um genauere
Antworten zu bitten. Als ob der alte Schulmeister gewusst hätte, was ich
brauchte und in welchem Umfang. Keine Weitschweifigkeiten, Wiederholungen
und sinnleere Phrasen. Ruhige Stimme eines selbstsicheren Menschen,
ausgezeichnetes Gedächtnis. Obwohl die Tochter von Zeit zu Zeit versuchte,
etwas von dem Gesagtem zu präzisieren, funktionierte seine Erinnerung
einwandfrei, und er korrigierte sogar die Bemerkungen der Tochter. Ferner
war ich außerordentlich angetan von dem Takt- und Feingefühl, mit welchem
der alte Mann das Gespräch führte. Er respektierte seinen Gesprächspartner,
den er eigentlich gar nicht kannte, sehr. Eventuell auch aufgrund dessen,
dass Temiriazevka keinen gehaltlosen Begriff auf seiner Herz- und
Gedächtniskarte darstellt.
Nun wunderte ich mich, Aufnahmen transkribierend und Kassette mehrmals
zurückspulend, über den Reichtum dieses Materials, welches in den Händen des
Reporters zur historischen Quelle geworden ist.
Bis vor kurzem wussten weder ich, noch die Alma Mater, noch das Land, dass
nebst dem Ufer der Volga ein solches Unikum, ein derart außergewöhnlicher
Mensch lebt. Nun aber wird sein Haus des öfteren von Fernsehteams,
Zeitungsreportern, Filmemachern u. a., auch aus Deutschland, aufgesucht.
Der Leser sollte sich nicht über den Stil und Ton seiner Erzählung wundern.
Der Schmerz, den der Russland-Deutsche eine so lange Zeit in seiner Brust
versteckt hielt, kam nun mit einem Mal zum Vorschein. Und der Professor
sprach ganz offen, ohne sich zu genieren, ohne Angst davor zu haben,
verurteilt zu werden. Eventuell ist es sein geistiges Vermächtnis an uns
Jüngere und diejenigen, die noch ganz jung sind. Wie man leben, arbeiten,
mit Menschen umgehen, ihnen die Unfreundlichkeiten, das Böse verzeihen
sollte. Und obwohl er von sich sprach, davon, was sich in seinem Leben
ereignete, sah ich in diesem einen Leben das, was mit seiner Heimat geschah.
Taktvolles Beibehalten des Gesprächsmodus, so wie er war, - ohne
Redaktionsanmerkungen – hier sind sie überflüssig. Ich denke ich, ich hoffe,
Sie sind damit einverstanden, es ist die beste Methode, einen Menschen
kennenzulernen. Lasst uns seinen Gedanken, der Tonalität des Gesprächs, das
drei Stunden dauerte, konzentriert lauschen. Am Ende des Gesprächs war der
Schulmeister in der gleichen Verfassung wie am Anfang, lediglich seine
Stimme etwas heiser. Ich verschiebe absichtlich keine Akzente, entwickle
keine anderen Szenarien, locke den Leser nicht mit dem Grauen und Schrecken
seines Lebens. Alles so, wie es war. Kommt in die Wohnung rein, wo in einem
kleinen Zimmer an meinem Schreibtisch mit einer Schreibmaschine umgeben von
Bücherregalen ein reinlich gekleideter älterer Mann sitzt. Neben ihm, seine
fürsorgliche Tochter, Margarita Konstantinovna.
Meine aus Deutschland stammenden Vorfahren, folgten dem Ruf der Imperatorin
Katarina II aus dem Jahre 1763 und siedelten nach Russland über. Sie hatte
angekündigt, dass die Bauern, die nach Russland gehen, ein Grundstück, eine
Reihe Vergünstigungen bekommen könnten, um dort anzukommen, sich
einzurichten und um wilden brachliegenden Steppen in ertragreiche Felder zu
verwandeln. Und die Deutschen haben seinerzeit, wie Sie wissen, sie (Die
Volgarepublik der Deutschen - red.) wurde 1941 auf Befehl Stalins
liquidiert, sie haben das Nieder-Volgagebiet in blühende Ländereien
verwandelt.
Sie haben sehr viel Getreide hergestellt, v.a. Weizen, auf dieser Grundlage
haben die deutschen Unternehmer eine Mehldreschindustrie in Saratov
aufgebaut, und das Mehl ist ans Volk gegangen, in ganz Russland.
Außerdem richteten die deutschen Unternehmer ihre Aufmerksamkeit auf große
Kalksteinvorkommen in der Nähe von Volsk und es wurde eine große
Zementfabrik ins Leben gerufen. Dieser Zement wurde für die Bedürfnisse des
ganzen Landes verwendet. Außerdem entwickelten sie die Herstellung von
Stoffen, sarpinki, so nannte man diese deutschen Stoffe. Es waren, kurz
zusammengefasst, die Ergebnisse.
Sie hatten Privilegien beim Wehrdienst. Sie wurden nicht verpflichtet, aber
nach 100 Jahren, ab 1865, sind unsere Deutschen in die Armee einberufen
worden und sie haben sich dann an der Verteidigung ihrer neuen Heimat
beteiligt.
Und es geschah dann, als Stalin im Jahre 1941 alle Volga-Deutschen - völlig
unbegründet - einer feindseligen Gesinnung Russland gegenüber beschuldigte,
eines Verrats der Heimat beschuldigte und beschloss, alle wegen dieses
Verrates auszusiedeln, dass Tausende unserer jungen Männer in den ersten
Kriegsjahren an der Front starben. Dieser Beschluss wurde von Chrushchev
aufgehoben und die Beschuldigung des Verrates abgelehnt/zurückgewiesen. Aber
die Tatsache bleibt bestehen: damals kam fast die ganze junge Generation ums
Leben. Manche wurden in die Arbeitsarmee einberufen, und die
Arbeitsbedingungen für die Deutschen waren tödlich. Auch von ihnen sind fast
alle gestorben, jedoch nach und nach. Die Menschen wurden nicht ernährt,
kriegten undurchführbare Aufgaben.
Meine wissenschaftlich-lehrende und öffentlich-agronomische Tätigkeit im SXI
(landwirtschaftliche Hochschule) von Saratovsk wurde im Jahre 1938 am 22.
Juli um 3 Uhr nachts unterbrochen – erinnerte sich Schulmeister während
seiner Ehrung am 17. Mai, die seinem hundertjährigen Jubiläum gewidmet war –
als ich von der NKVD verhaftet wurde. Am 29 .April 1939 wurde ich aufgrund
einer verleumderischen Beschuldigung nach dem Paragraphen 58 UK RSFSR Punkt
8, 10 und 11 (antisovjetische Agitation gruppenterroristisches Vorgehen
gegen Regierungsmitglieder der UDSSR Stalin, Molotov, Koganovich etc.) vom
Militärtribunal zur Erschießung und Beschlagnahmung des Besitzes verurteilt.
Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in der Todeszelle hat das
Militärkollegium des obersten Gerichtes der UDSSR die Erschießung durch
10-jährige Freiheitsstrafe einer Bescheidung der politischen Rechte für 5
Jahre ersetzt.
Im ersten Jahr des LAGERs, war es üblich, dass alle Inhaftierten, unabhängig
davon, ob Akademiker oder Professoren, an allgemeinen Arbeiten beteiligt
waren. Auch ich kam dorthin. Ich wurde an eine Zinnmine, ca. 400 km von
Magadan – in eine Grube zum Arbeiten geschickt, aber ich hatte einen sehr
schweren Prozess hinter mir, außerdem hatte ich zwei Monate in der
Todeszelle in Saratov verbracht. Die Bedingungen in dieser Zelle waren sehr
schlecht. Es war ein grauer, halbdunkler Raum. Die Möbel waren: eine kleine
dreckige Matratze und eine Latrine. Weder Bett, noch Tisch, noch Stuhl. Und
deshalb konnte ich nur auf meinen Beinen liegen und sitzen, sogar Nahrung
habe ich im Stehen zu mir genommen, es gab keinen Platz, um den Teller
abzustellen, der Boden war… Man könnte es damit vergleichen, wie Vieh vor
dem Schlachten in Mist gehalten wird, so hielt man in diesen Zeiten
Gefangene in Todeszellen.
Waren sie alleine in der Zelle?
Allein - vernehme ich als Antwort.
Ich kam dorthin als ein vergleichsweise gesunder Mann, kam jedoch als
völliger Invalide, Behinderter heraus. Verlor an Gewicht und das wichtigste,
ich hatte eine Gasvergiftung – es war Schwefelwasserstoff. Ich kam als
Invalide heraus – wiederholt Konstantin Georgievich. Und kam ungeachtet
meines Gesundheitszustandes in diesen Arrestantentransport und an diese
Mine. Wir waren ungefähr zweieinhalbtausend Menschen, überwiegend
Akademiker, aber unter ihnen waren viele Kriminelle.
Der Leiter dieser Mine schaute und beschloss: Wozu brauche ich einen
Erschöpften, Kraftlosen?
Er beschloss eine medizinische Prüfung auf Tauglichkeit/Selektion
einzurichten, denn es lohnte sich für ihn nicht, geschwächte, unfähige
Invaliden zu beschäftigen. Der Arzt war ein Zivilbeschäftigter, dem niemand
etwas befehlen konnte. Er entschied selbständig, wen er als arbeitsfähig
einstufen konnte und wen nicht. Wenn er ein Häftling gewesen wäre, hätte er
einen entsprechenden Befehl erhalten und alle für tauglich erklärt.
Als ich nackt vor diese Kommission unter der Leitung dieses Arztes trat,
riss er die Augen auf und sagte: „Aber entschuldigen Sie mal, was ist denn
mit Ihnen passiert, warum sind Sie so dürr (dystrophisch)? (Das Gewicht des
Professors betrug knapp 40 kg). Ich sagte, dass ich 2 Monate in einer
Todeszelle gesessen hatte.
Ich wurde amtlich für untauglich erklärt und zurück nach Magadan geschickt,
wo sich ein Heim für behinderte Häftlinge befand. Wie aber wurden diese
Gefangenen dort ausgenutzt? Gar nicht. Es gab dort keine Erholung und man
zwang sie, einfache, leichte Arbeit auszuführen: Baumfällen. So wurde ich
einer Baumfällertruppe zugeordnet.
Ich war so schwach, dass ich es nicht einmal schaffte, mit der Gruppe zum
Wald zu kommen. Für gewöhnlich brachte mich ein Soldat später dorthin. Aber
der Vorarbeiter war unzufrieden, es gab eine gewisse Arbeitszuteilung für
jeden. Die Gruppe verstieß mich. Und dann beschloss der Leiter des
Behindertenheims, ein ehemaliger Offizier, mich gänzlich loszuwerden. Neben
dem Heim gab es nämlich eine Sovkhose, die Milch und Fleisch,
Schweinefleisch herstellte. Und eines Tages kam ich in diese Sovkhose, als
völlig Entkräfteter.
Sieben Kilometer war die Sovkhose vom Heim entfernt, jedoch konnte ich diese
Strecke zu Fuß nicht schaffen, ich wurde mit einer Fuhre dorthin gebracht.
Der Leiter der Sovkhose kam, schaute uns an und sagte: „Wozu habt ihr uns
solche Kraftlosen gebracht? Die sind absolut untauglich…“ In dieser Sovchose
gab es aber einen Arzt, der ebenfalls ein Häftling war, zum Glück kam er aus
Saratov. Er kannte mich nicht persönlich, aber vom Namen, wie einen
Professor, einen Dekan, dessen Artikel in der Presse gedruckt wurden. Die
Öffentlichkeit kannte mich. Und so sagte er: „Hören sie, wissen sie, wer das
ist? Ein Agronom. Unser Saratover Professor. Lassen sie uns ihn aufnehmen,
ihn gut ernähren, lassen sie ihn wieder auf die Beine kommen, er wird uns
nützen. Und es war so, als ob er ins Wasser schaute.
Man ließ mich bleiben und auf die Beine kommen. Als ich wieder gelernt hatte
zu laufen, - es waren ein paar Wochen vergangen, - machte man mich zum
Kälberstallwächter. Stellen Sie sich vor, mit den Pflichten - auf die Kälber
aufzupassen und Öfen zu heizen. Für mich war es die Rettung. Der
Vorarbeiter, es war ein Häftling, erlaubte mir, mich nachts von der
Kalbsmilch zu ernähren. Der Hafer schmort lange, dabei entsteht eine sehr
nahrhafte Lösung. Und das war meine Rettung.
Einen Monat später war ich wieder arbeitsfähig, und als der Frühling kam,
(Februar, März, April) war ich im Kälberstall. Als die Feldarbeiten
begannen, sagte der Sovkhseleiter: „ Lasst uns diesen Häftling, den
Professor, zum Vorarbeiter – für die Züchtung und Anbau von Gemüse, Futter
und Kartoffeln, machen. Ich blieb in dieser Sovchose praktisch bis zu meiner
Befreiung. Und es hat mich gerettet! – Wiederholt mein Gesprächspartner
erneut. – Wem bin ich zu Dank verpflichtet? Dem Arzt in der Mine Laso,
welcher mich amtlich für untauglich erklärte.
Fällt es Ihnen schwer zu sprechen? - Wende ich mich an Konstantin
Georgievich. –Ist es anstrengend für Sie? – Er schweigt. – Das einzige ist,
dass Papa schlecht hört – wendet sich seine Tochter an mich. Es stellt sich
aber heraus, dass mein Professor mich hört. „Nein, Georgij Viktorovich, ich
bin in so einer schöpferischen Aufregung. Vor mir sitzt ein Mitarbeiter
meiner Alma Mater, d.h. der Timirisjaever Akademie. Ich war verliebt in
meine Lehrer.“
Die Tochter: „ Ich möchte Ihnen ein Papier zeigen. Die Familie wurde
zerstört, bestraft. Aber wir wussten all die Jahre, seit 1938 nicht, dass
unser Vater ein Staatsfeind ist. Wir haben niemals gesehen, weshalb wir
bestraft wurden. Nun aber, in diesem Frühling, als sich das hundertjährige
Jubiläum nahte, schrieb ich an die Saratover NKVD, unsere teure, liebe, und
bekam recht schnell eine Kopie. Ich schrieb ohne jegliche Hoffnung. Und Papa
hat zum ersten Mal, nachdem er so viele Jahre lang in solchen Missständen
gelebt hatte, zum ersten Mal, nach 56 Jahren, sein Urteil gesehen.
Als ich anfing, es zu lesen, habe ich es zusammengefaltet und zur Seite
gelegt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich plötzlich über einem
schrecklichen Abgrund, über einem offenen Grab befinde. Derart ungeheuerlich
ist dieses Geschreibsel. Habe die Kopie weggelegt und lange nicht angefasst.
Papa habe ich den Schrieb nicht gezeigt. Es ist grausam zu lesen, aber
später, nachdem meine Kinder aus Peterburg kamen, beruhigte ich mich und gab
es meinem Sohn. Und später, als genug Zeit vergangen war, gab ich es Papa,
doch er wollte es nicht lesen.
Sie fängt an, das Urteil vorzulesen: „Den Konstantin Georgievich
Schulmeister aufgrund des §58 zum höchsten Strafmaß“ „ERSCHIEßEN“ steht dort
in Großbuchstaben. Das hat mich am meisten gewundert – sagt sie – es sind
fast 60 Jahre vergangen und nun haben wir es zum ersten Mal erfahren. Es ist
schrecklich. Jetzt kann ich es ruhig lesen. Aber es gab tatsächlich
Menschen, die Spezialisten in diesem Genre waren. Sehr gängig und fein
konnten sie schreiben.
Wir alle hatten vergleichsweise hohe Posten in der Wissenschaft inne – fährt
K.G. Schulmeister fort (es handelt sich um die Akademiker Davidov, Tuliakov,
Meister und Vavilov red.). Ich sag es nicht, um Eigenwerbung zu betreiben.
Sie werden mich gleich verstehen. Ich war der Dekan und Vizerektor für
Wissenschaft und Lehrtätigkeit. Heutzutage gibt es zwei Prorektoren, damals
aber nur einen. Es kam öfter vor, dass man in Konferenzen und Versammlungen
gesprochen hat. Gelegentlich wurde ich ins Büro des Obkom (Regionalkommitee)
gerufen, obwohl ich nie in der Partei war. Mein ganzes Leben lang war ich
parteilos. Wenn ich in der Partei gewesen wäre, hätte man mich definitiv
erschossen. Stalin hasste Wissenschaftler, daher hat er Vavilov und Tuliakov
eliminiert.
Der Untersuchungsleiter hatte daher uns alle, ihren Worten nach, zu
überführen und zu beweisen, dass wir heimliche Feinde der sovietischen
Regierung waren.
Zwei Studenten, die in meinen Vorlesungen waren, wurden verhaftet und
gezwungen zu unterschreiben, dass ich sie angeblich für eine terroristische
Organisation mobilisiert habe. Ihren Worten nach. Ich aber musste sie viele
Jahre nach der Rehabilitation treffen. Sie haben sich mit aller Kraft
geweigert, aber sie wurden ständig geschlagen – halbtot waren sie, man
brachte sie zur Verzweiflung und sie schrieben:„ Ja, der Schulmeister hat
uns mobilisiert“
Als ich aufgrund dieser Denunziation verhaftet und beschuldigt wurde, hat
man sie freigelassen, aber zum Schweigen verpflichtet. Aber es sind 20 Jahre
vergangen und sie… Es waren sehr anständige Menschen.
Das war ihre Methodik. Und dann wurden meine Doktoranden, es gab einige,
dazu gezwungen, in der Saratover Zeitung auszusagen, ich sei ein verdeckter
Volksfeind. Ein großer Artikel.
Dort wurden Fakten angeführt. Falsche natürlich, um der Öffentlichkeit zu
beweisen, dass wir echte, erboste Feinde waren. Nebenbei, ich habe es noch
geschafft diese Zeitschrift zu lesen. Ich wurde 2-3 Wochen nach Ausgabe der
Zeitschrift verhaftet.
Zwanzig Jahre später bin ich vollständig rehabilitiert worden. Ich kam nach
Moskau, war bei einer Konferenz und treffe dort meinen Doktoranden. Er ist
nun Held des Sozialistischen Arbeitens, Direktor der Uralen Versuchsstation.
Baschmakov. In der Pause kam er zu mir: „Konstantin Georgievich! Haben Sie
mich erkannt? – Ja, antworte ich. - Und er warf sich mir an den Hals.
„Konstantin Georgievich, mein Lieber, verzeihen Sie mir, dass ich mich als
ihr Verräter erwies…“ Ein sehr anständiger Mensch, ein großer
Familienmensch.
Nikolaj Ivanovich! Machen Sie sich keine Sorgen. In diesen 20 Jahren habe
ich viele solcher schrecklichen Bilder gesehen. Ich freue mich sogar, dass
sie durch meinen Hals, an meinem Rücken unversehrt bleiben konnten. Wenn Sie
mich nicht verraten hätten, hätte man sie verhaftet, aber nachdem sie ihren
Lehrer verraten hatten, haben sie eine gewisse Immunität erlangt. Niemand
hat Sie angetastet, gestört, man nahm an, dass Sie Ihre Bürgerpflicht
erfüllt hätten: Einen Volksfein entlarvt hätten. Wenn Sie es nicht gemacht
hätten, dann hätte man sie verhaftet und ein anderer hätte Kapital aus mir
geschlagen. Ich war sehr froh und seitdem stehe ich mit ihm in Kontakt, wir
schreiben uns.
Es gab aber einen zweiten Menschen, Michail Ivanovich, ehemaliger Doktorand.
Er hat es nicht erklärt. Sie haben es zusammen geschrieben. Er hat sich dazu
nicht bekannt, nicht bereut.
„ Ist heutzutage ebenfalls wohlbehalten und gedeiht“ - fügt die Tochter
hinzu.
So erschuf man damals Staatsfeinde.
Ich bitte den gedächtnisstarken Schulmeister, mir von N.O. Vavilov zu
erzählen. Denn sie sind beide von Timirsiaevka und beide Saratover. Ihre
Wege haben sich mehrmals gekreuzt.
Nikolaj Ivanovich Vavilov arbeitete schon im 8. Semester an der Moskauer
Landwirtschaftsakademie am Fachbereich des Prjanischnikov und hielt dort
ausgesuchte Vorlesungen in Genetik und Selektion. Außerdem bekam ich in
meinem letzten Semester eine Praktikantenstelle in einer Selektionstation.
Bei Rudzinskii. Dort habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben „Die
Reaktion (Empfänglichkeit) unterschiedlicher Arten des Winterweizens auf/für
wechselnden Feuchtigkeitsgehalt des Bodens“ (Erstaunt Sie die
Gedächtnisstärke des Professors etwa nicht? – Red.) Und ich hab einen ganzen
Monat im Vegetationshaus und auf den Feldern gearbeitet. In dieser Zeit
prüfte Vavilov auf seiner Parzelle seine Kulturpflanzenkollektion auf
Immunität gegen Pilzinfektionen. Wir trafen uns jeden Tag auf den Feldern
und der Parzelle und unterhielten uns übers Fachliche. Er interessiere sich
für meine Praktikantentätigkeit und ich fragte gelegentlich, was haben Sie,
Nikolaj Ivanvich, hier heute gemacht? Eine Freundschaft fing an sich zu
entwickeln. Das Schicksal schaffte Gelegenheiten, um sich zu treffen.
Als ich mein Studium beendet habe, lud man mich ein, die Stelle des Leiters
des Kamyshinsker Versuchsfeldes zu übernehmen, und Nikolaj Ivanovich war zu
dieser Zeit Professor im Institut für Landwirtschaft in Saratov. In diesen
Jahren, 18, 19, 20 und Anfang 21 trafen wir uns jedes Jahr in Moskau. Ich
besuchte ihn am Fachbereich. Sogar zu Hause empfing er mich. In dieser Zeit
herrschte Hungersnot. Er beschaffte dennoch einige Lebensmittel, um mich
damit bewirten zu können.
Er kam 1920 extra nach Kamyshin. Machte sich mit der Lokalsituation des
Gemüseanbaus vertraut. Er übernachtete bei mir. Danach trafen wir uns jedes
Jahr auf Konferenzen. Er stammte aus einer solchen Familie – der Vater, ein
Mitglied der Moskauer Duma, war ein Mäzen wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Der Sohn eines armen Bauerns. Im Alter von entweder 12 oder 15 Jahren hat er
sich aufgemacht, um Arbeit zu suchen. Er hatte einen Brief des Priesters
dabei, in dem stand, dass der Inhaber dieses Briefes über eine wunderschöne
Stimme verfügt und es ganz gut wäre, wenn man ihn in einem Kirchenchor
unterbringen könnte. So sang dieser Vanja in Moskau 2-3 Jahre in einem Chor.
Der Nachkomme eines armen Bauern, Sohn des Volkes. Später arbeitete er als
Laufbursche bei einem Kaufmann (Kypec), machte einige Jahre lang den Laden
sauber, wuchs auf und erweckte bei dem Kaufmann großes Vertrauen. Und dieser
machte ihn fast zum Leiter. Er wurde ein Mitglied der Aktiengesellschaft der
Manufaktur.
Nikolaj Ivanovich bekam von seinen Eltern bäuerliche Bräuche und Ethik mit.
Sie besteht darin dass jeder nach dem Gebot lebt: Arbeite im Schweiße deines
Angesichts, verdiene dir dein Brot. Das ist die Ideologie der Erziehung. Ein
sehr einfacher Mensch. Er wurde wegen seines aufmerksamen und humanen
Umgangs mit Menschen sehr geliebt. Auch in unserer Akademie.
Der Vater emigrierte 1918, da von Lenin „Terror“ angekündigt wurde. Nach dem
Anschlag von Kaplan, die Unternehmer und Verwalter von Firmen zu verhaften.
Ungefähr eine Million Menschen. Eine Massenflucht ins Ausland: Manche gingen
zu Fuß, manche zu Pferd, über Wasserwege oder mit Zügen. Er lebte in
Bulgarien. Nachdem sich alles gelegt hatte, ich erinnere mich nicht, hat
Nikolaj Nikolavich beim Kalinin einen Antrag eingereicht, dass man seinem
Vater erlaubte zurückzukehren. Ein paar Jahre und Nikolaj Nikolavich
beerdigte ihn. Ich habe sehr viel Literatur. Sämtliche Werke von ihm,
Vavilov.
Wir sprechen über Vergangenes, aber die Grausamkeit, das Böse, die
Ungerechtigkeit lassen sich nicht so leicht vergessen. Und Margarita
Konstantinovna erinnert sich an diese Zeit, daran, dass Verurteilungen ohne
Anschuldigung und Verteidigung erfolgt sind. Alles war vorbereitet, bereits
getippt und gedruckt. Und das Gericht selbst – drei Richter, der Vorsitzende
und zwei Geschworene.
Es gab keinen Staatsanwalt, keinen Verteidiger, keinen Rechtsanwalt – betont
mein Gesprächspartner – auf meine Bitte hin, Zeugen heranzuziehen, sagte man
mir, dem Gericht sei auch so alles klar. Ich wurde in meinem Sessel von zwei
Soldaten mit Gewehren bewacht. Der Prozess dauerte nicht lange. „Bekennen
Sie sich schuldig?“ „Nein, tue ich nicht!“ Später war alles ganz simpel.
Er wurde im letzen Jahrhundert geboren, beendete sein Studium ein Jahr nach
der Revolution, arbeitete 13 Jahre an einer Versuchsstation unter Caricin.
Sein Leben ist mit drei Hochschulen verbunden, Temirjasevka,
landwirtschaftliche Bildungsstätten in Saratov, Krasnojarsk und Volgograd.
Er hatte viele Schüler und als er 1956 rehabilitiert worden ist, rieten sie
den Rektor der VSKHI dazu, den Schulmeister zu rufen, denn er konnte ihnen
nützlich sein. Ihrem Ruf folgend, kam er nach Volgograd.
Damals mochte man die ehemals Repressierten nicht, hatte noch Angst vor
ihnen, es war noch eine andere Zeit – sage ich.
Jetzt mag man sie auch nicht besonders, - ergänzt Margarita Konstantinovna.
Es wird gemeint, dass wir zu Recht bestraft wurden und zu Unrecht befreit.
Bis heute kommt es vor, dass Menschen, die wissen, dass wir unter
Repressalien litten und uns seit 15 Jahren kennen und wissen, dass wir keine
Verbrecher sind, sich plötzlich vergessen und sagen „zu Recht bestraft“.
Es kam auch vor, dass ich am Institut lange diskutieren musste, es gab
einige, die mir gegenüber feindlich gesinnt waren. Feinde aufgrund des
nationalen Haders, Völkerhasses. Aber die örtliche Leitung behandelte mich
immer gut. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage es nicht, um zu
prahlen. Die Obrigkeit behandelte die Intellektuellen so: Sie schätzten sie
dafür, dass sie ihnen nicht widersprachen, sich mit allen Maßnahmen
einverstanden erklärten. Aber sie verstanden auch, dass es zu kolossalen
Fehlern führte und daher schätzten sie, nebst der Liebe zu solchen
prinziplosen Menschen, auch die Menschen, die ihnen die Wahrheit sagten. Im
Interesse des Betriebes, der Produktion. Und da ich so erzogen worden bin,
dass ich, wenn ich gefragt wurde, nicht lügen konnte, sagte ich: - „Ich bin
anderer Meinung.“ Und es ergab sich meistens, dass meine Antworten den
Interessen der Produktion entsprachen. Daher gingen alle Minister, wichtige
Persönlichkeiten gut mit mir um.
Ich kann außerdem noch hinzufügen, dass ich 1966 den Orden „Ehrenanzeichen“
verliehen bekam. Und zehn Jahre später – den Orden der roten Arbeitsfahne.
Georgij Viktorovich, ich teile Ihnen dies nicht um der Eigenreklame willen
mit. Ich bereue nicht. Es geht darum, dass meine Feinde sich alle Mühe
gegeben haben, mir ein Bein zu stellen. Daher zeigten sie mich oftmals im
Obkom an, sobald die obersten Minister anfingen, sich damit
auseinanderzusetzen, und wenn sie mich zu sich riefen, überzeugten sie sich
davon, dass alles gelogen war, und Schulmeister das sagt, was er denkt. Und
sein Denken basiert auf dem Wissen, dass er erworben hatte und auf seiner
Erfahrung. Ich hätte mich anderenfalls nicht halten können, wenn ich allen
Fehlern und schädigenden Maßnahmen, die durchgeführt wurden, zugestimmt
hätte. Ich hätte diese Stelle nicht einnehmen können.
Eine Wende im Umgang der Volgograder Gesellschaft mit mir, brach mit dem
Erscheinen Gorbachevs auf der Bildfläche an. Ab da schwiegen meine
ehemaligen Feinde. Ich lebte nun ohne ständig ihrerseits bedroht zu werden.
Jetzt bin ich vom Gouverneur der Region besonders toll behandelt worden, er
gab mir mehrere Millionen, damit ich herausgeben konnte, (zwei Bände des
Werks des Wissenschaftlers habe ich für unser Geschichtsmuseum mitgenommen –
red.) die Verwaltung der Hochschule ging ebenfalls sehr gut mit mir um, sie
haben meine Jubiläumsfeier organisiert.
Sie müssen im Alltag sicherlich charakterlich stark und hartnäckig sein? –
frage ich ihn.
Wissen Sie, dass haben mir meine Lehrer in Moskau beigebracht. Ich besuchte
die Veranstaltungen des Prjanischnikov, Dojarenko, des berühmten Chemikers
Kablukov, des berühmten Akademikers Dem’janov, dann Vavilov und des
berühmten Chajanov. Im achten Semester unterrichtete er bei uns die
landwirtschaftliche Kooperation. Das alles waren äußerst prinzipienfeste
Menschen. Und das Schicksal des Chajanov ist Ihnen bekannt. Er wurde als
Mitglied der Kondratjeskij-Chajanov Partei zum Tode durch Erschießung
verurteilt. Erschossen wurde er sieben Jahre später. Hat all die Jahre das
Damoklesschwert über sich hängen gehabt. Das war eine grausame Bestrafung.
Zu solchen Maßnahmen waren nur ausgesprochene Sadisten-Paranoiker fähig.
Aber hier geht der Wissenschaftler erneut zu seinen Lehrern über und sagt,
dass „ sie ihm solches beigebracht haben, dass man in der Wissenschaft immer
saubere Hände haben muss, darunter ist zu verstehen – keine Lügen, keine
Fälschungen hervorzubringen, sondern die Wahrheit und nur die Wahrheit zu
sagen. Priaschnikov und Vavilov haben es besonders betont. Dass die
Wissenschaft nur mit sauberen Händen betrieben werden darf.
Die Tochter erinnert sich daran, wie der oberste Beamte des Obkom,
Schkol’nikov, im Jahre 1962, - er war auf der Seite von Papas Vorschlägen-,
den Rektor rügte: „ Aber Sie, Vasilii Fedorovich, sind wie eine Windfahne,
folgen dem Wind. Der Schulmeister dagegen, geht auf den Scheiterhaufen,
rückt aber von seinen Prinzipien nicht ab.„ Später hat der Rektor es Papa
heimgezahlt.
Wir haben den Kalaschnikov, den ehemaligen Vorsitzenden des Lokalkomitees,
der von den Zeitungen scharf kritisiert wurde, ebenfalls bedacht. Er hat die
Menschen einfach ignoriert. Wenn etwas im landwirtschaftlichen Bereich
benötigt wurde, bestellte er sich Berater aus Saratov und das, obwohl die
vor Ort ansässigen Wissenschaftler und Spezialisten sich wesentlich besser
mit lokalen Bedingungen und Spezifika auskannten. Er, selber im Haus der
Romanovs (gehörend dem Obkom) lebend, verschaffte auch seiner Tochter eine
Wohnung. Die dortigen Einwohner hatten es aber später durchgesetzt, (und es
war die Aushebung Gorbachevs), dass er und seine Tochter verschwanden.
Während wir uns unterhielten, verschwand Margarita Konstantinovna des
öfteren in der Küche, dort wurde der Lieblingskuchen, gefüllt mit Kohl,
zubereitet.
Nationalgericht der Volgadeutschen. Ich schaute mich währenddessen im Zimmer
mit vielen Familienfotographien und Büchern um. Solov’ev, Sovjetisches
Lexikon, Dickens, Skott – mag ich sehr - sagte Schulmeister über diese
Autoren. Außerdem mag er solche Kuchen und Hirsebrei mit Speck. Und Lysienko
hielt man für einen untertänigen Blödmann. – fügt Schulmeister plötzlich
hinzu. Er war praktisch ein Analphabet.
Ich möchte Ihnen noch einen Gedanken mitteilen: Stalin hielt Lysienko für
den bedeutendsten Wissenschaftler in unserem Land. Er hat ihm sieben
Leninorden verliehen. Nicht einmal ein Heerführer besaß in unserem Staat so
viele. Er war ein Gauner, Schwindler innerhalb der Wissenschaft. Welchen
Schaden haben Lysienko und Stalin angerichtet. Wegen Lysienko wurden Vavilov
und Karpechenko hingerichtet, in Saratov gab es einen bemerkenswerten
Wissenschaftler, Meister. Er wurde ebenfalls hingerichtet. Denn Lysienko war
an der Akademie. Es gibt ein Porträt von ihm, von Jakushkin. Wir wissen,
dass er (als letzter) Denunziationen schrieb.
Bis zum siebten Lebensjahr lebte ich in einem Dorf. Mama konnte kein Wort
Russisch. Und auch ich konnte bis zum siebten Lebensjahr kein Wort Russisch.
Dann schickte mich Papa nach Kamyshino, in eine russische Schule. Und bald
konnte ich Russisch sprechen. Ich lernte die Sprache ununterbrochen, bis ich
fünfzehn wurde.
In der Zeit meiner Inhaftierung hatte ich einen sehr guten Freund
Degtiarenko Sasha, Aleksandr. Er hat an der Temiasever Akademie studiert,
erfolgreich abgeschlossen. Promovierte in Leningrad. Wurde des Landesverrats
beschuldigt.
Was sind für Sie 100 Jahre? Wie erreicht man die 100 und bleibt auf der
Höhe? – frage ich den Professor.
Es ist vor allen Dingen ein Geschenk meiner Mutter, die mir das Gen der
Langlebigkeit geschenkt hat. Ohne dieses Gen hätte ich nicht überleben
können. Ekaterina Andreevna, geborene Beimler.
Und auch aufgrund des Wissens, das mir meine Lehrer vermittelt haben, vor
allem an der Akademie – Priashnikov, Viliams (im Laufe meiner Studienzeit
und zu meiner Zeit, als er nicht in der Partei und ein freier Mensch war,
behandelte er die Studenten und Dozenten sehr menschlich. Nach seinem
Eintritt in die Partei, 1926 unterrichtete er die Dogmen, die gröbsten
Fehler der Pflanzenzüchtung.) Ich bekam Kenntnisse vermittelt, die mir
halfen, mich mit meiner landwirtschaftlichen Tätigkeit auseinanderzusetzen,
und sich besonders im Fernen Osten als nützlich erwiesen haben. 1958 kam
sein Buch „Pflanzenzüchtung im Nord-Osten“ heraus.
Und, weiterhin meine Fragen beantwortend, fügt er hinzu: „Der
Wissenschaftler ist dem Volk eine Rechenschaft schuldig, er muss sich
bewähren. Ich hatte Glück. Wesentlich gesündere, kräftigere und
willenstärkere wurden auch zur Zwangarbeit verurteilt. Und sie kamen um.
Fortuna. Meine Aufgabe war es, Futterpflanzen zu züchten. Später wurde von
Stalin angeordnet, alle deutschen, finnischen, ungarischen und rumänischen
Häftlinge, mit denen wir Krieg geführt haben, in Straflager zu versetzen.
Wir waren ca. sechzig Deutsche in der Sovchose. Und so sitzen wir bereits im
Wagen, als plötzlich die Tür aufgeht und der Leiter der Sovchose, der für
die Produktion zuständig war, hereinkommt (es war Aussaatzeit): „ Steig
herunter Schulmeister!“ Die Kameraden winkten mit ihrer Kopfbedeckung, und
auch ich nahm meine Mütze ab.
Nach Ablauf der Strafe wurde ich in meiner Abwesenheit zur lebenslangen
Verbannung ins Magadaner Gebiet verurteilt. Ohne Erlaubnis, das Festland zu
betreten. Im Januar 1956, nach 18 Jahren GU-LAG, bekam ich meine politischen
Rechte wieder. Die Familie des Staatsfeindes hat all die Jahre in Verbannung
im Norden von Kasachstan verbracht – aber unser Wiedersehen wurde immer
wieder aufgeschoben. Der Einladung der Regionalleitung Magadans folgend,
blieb ich noch ein weiteres Jahr dort und ging der Tätigkeit des Leiters der
Abteilung für Wissenschaft in der dortigen landwirtschaftlichen Verwaltung
nach. Arbeitete zwei Jahre in Krasnojarsk, dann in Volgograd. 1964 verlieh
ihm der Prüfungskommission des SKHI, aufgrund der veröffentlichten Arbeiten
zum Thema „ Die Problematik des trockenen Ackerbaus im Gebiet des
Kastaniengrundes des unteren Volgagebietes.“ den Doktortitel in
Agrarwissenschaften. Er widmete lange Jahre seiner wissenschaftlichen
Tätigkeit der Erforschung der reinen Dämpfe. (Wundervoll sind sie, aber sie
defraudieren (verringern) die Fruchtbarkeit des Bodens, die Humusverluste
sind sehr groß.)
Auf der Feier zu Ehren seines Jubiläums sprach der Leiter der
Regionaladministration von der Anwendung der wissenschaftlichen Theorien des
Jubilars in der Landwirtschaft der Region, die übrigens in den letzten
Jahren ziemlich hohe Leistungen vorzuweisen in der Lage war.
Nicht ohne Grund redeten viele, u.a. auch der Wissenschaftler I. S. Shatilov
über das Talent und die Einzigartigkeit des ehemaligen Studenten unserer
Akademie, seine hohe Schaffensaktivität, den, bis zum heutigen Tage
anhaltenden, unermüdlichen Arbeitseifer, die bürgerliche Anständigkeit
desjenigen, auf dessen Leben und Schaffen russische Agrarwissenschaft und
praktische Landwirtschaft in Steppengebieten stolz ist. „Patriarch der
Agrarwissenschaft für die Steppengebiete Russlands.“ Diese Bezeichnung gibt
seine Bedeutung am besten wieder.
Der Kuchen ist fast aufgegessen. Margarita Konstantinovna bietet mir ein
neues Stück an und legt es dann unaufgefordert auf meinen Teller. Ich hätte
aber auch nicht abgelehnt, denn man bekommt sonst nicht so oft derart
leckere Hausmannskost. Wir erheben unsere Gläser, die mit der kristallreinen
Smirnov-Vodka gefüllt sind. Der Professor spricht einen Toast aus. Ich hab
aber nicht erfahren können, wie der Professor in seinem Alter lebt, woran er
nachts denkt. Wie er seine Verurteilung und die Monate in der Todeszelle
wahrgenommen und überlebt hat. Vieles aus dem Leben unseres Zeitgenossen
habe ich nicht erfahren. Ich denke, dass die letzte Hölle seines Lebens
längst in der Vergangenheit verschwunden ist und dort ruht. Eine lange Zeit
verbrachte er ganz gegen seinen Willen über den Abgrund, als die erboste
Vergangenheit ihn auch nach dem 90. Jahr seines Lebens immer noch
gelegentlich zu erkennen gab. Wie hat er durchgehalten, die Menschlichkeit,
den Menschen in sich bewahrt?
Erkennen Sie den Charakter meines Gesprächspartners? Ein wirklicher
Monolith. Geboren fünf Jahre vor dem 20. Jahrhundert, möchte er die nächsten
fünf bis zum 21. ebenfalls wohlbehalten meistern. Vielleicht wird das
Schicksal es erlauben, dass jener Russland-Deutsche, dessen Devise lautet:
„Vergib deinen Verrätern“ noch lange lebt und uns allen mit einem guten
Beispiel vorangeht, uns zeigt, wie man Menschen behandeln sollte. Wer sonst
könnte das?
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