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„Singen war mein Lebensinhalt“
Ergebnisse eines Interviews mit Frau
Eva-Maria Nowottny (*1914)
Eva- Maria Nowottny in der Zeit der Hitlerjugend 1935-45
Schon als ich klein war, liebte ich das Singen. Ich sang immer und überall.
So schloss ich mich dem „Mädchenbund Königin Luise“ an, der dann in die
Hitlerjugend zwangsweise eingegliedert wurde. Als dann die Hitlerjugend kam,
war ich etwa 17 Jahre. Die erste Zeit der HJ imponierte mir, aber mit der
Zeit entsprach es nicht meinen Vorstellungen. Der Leiterin gefiel das System
der HJ auch nicht. Sie sagte zu mir, dass ich es ändern könne. So ging ich
dann zur Ballgymnastik, zum Basteln und zum Chor.
Dort lernten wir Kartenlesen und wir alle belegten einen Erste-Hilfe-Kurs.
Ich suchte die Gesellschaft, wo ich meinen Interessen nachgehen konnte. Ich
ging gerne dort hin.
Später sollten wir soziale Dinge tun, wie Kindern aus ärmlicheren Familien
Essen geben. So aß ein Nachbarsjunge bei uns zum Abendbrot.

Tanzen in der BDM
Später leitete ich als Musikreferentin die verschiedenen Musikwochenenden
von Hamburg bis Dänemark, wo an den „Offenen Singen“ auch die Eltern
teilnahmen.
Meiner jüdischen Tante gefiel meine Arbeit sehr. Ich sollte keine Probleme
wegen ihr haben, weil sie Jüdin war, und so sollte meine Mutter mir nichts
davon erzählen. „Wir tun doch nichts Böses und trotzdem werden an uns
schlimme Dinge gemacht.“, sagte meine Tante. Sie verstand die Maßnahmen
gegen die Juden nicht. Meine Mutter hielt ihr Wort und schwieg mir
gegenüber.
Heinrich Spitta war damals ein großer Musiker. Otto Jochum, der Bruder des
berühmten Dirigenten Eugen Jochum (Schüler von Furtwängler), leitete auf den
Braunschweiger Musikwochen der HJ die Stimmbildung. Außerdem arbeitete ein
Professor Abendrot mit dem Orchester, wie Bernstein mit dem
Schleswig-Holsteinischen Jugendorchester. Wie sollten wir ahnen, dass die HJ
etwas Schlimmes sein sollte. So dachten wir uns: „Wenn solche Berühmtheiten
in der HJ Mitglieder sind, dann muss es etwas Gutes sein.“ Am Ende dieser
Woche gaben wir ein Abschlusskonzertsingen auf dem Platz des
Reichsausbesserungswerks zwischen einer großen Lokomotive und Waggons für
die Belegschaft und die Gäste. Das war ein schöner Moment.
Bald lernte ich meinen Mann kennen, der ebenfalls die Musik sehr geliebt
hat. Wir heirateten und bekamen zwei Töchter.
Dies war die glücklichste Zeit meines Lebens. Jedoch als der Krieg anfing,
begann für viele eine schreckliche Zeit. Es kam mir so vor, als ob wir aus
einem wunderschönen Traum aufwachten und in die Augen der schrecklichen
Wirklichkeit sahen.
Der Schrecken begann, als mein Mann den Gestellungsbefehl im August1939
bekam. Er war Reserveoffizier und sollte in eine Kaserne. Einen Monat später
begann der Krieg. Hitler arbeitete auf den Krieg hin und hatte so alles
schon vorbereitet.
Später sollten meine jüdische Tante und ihre Schwester nach Minsk und in
einer Munitionsfabrik arbeiten. An der Moorweide am Dammtor wollte meine
Mutter sich von ihnen verabschieden. Dort kam ein Offizier hektisch und
schnell auf meine Mutter zu und wollte sie forttreiben. Sie erwiderte
jedoch: „Aber hören Sie mal! Ich möchte mich nur von meinen Bekannten
verabschieden. Das wird doch noch möglich sein.“ Der Offizier sagte nichts
weiter. Er ging, so wie er gekommen war, wieder zu der Menge zurück. Meine
Mutter verabschiedete sich von ihnen und wir sahen sie nie wieder.
In Bergedorf hat man die Vertreibung und Diskriminierung der Juden nicht
mitbekommen. Wir wussten weder was ein KZ ist, noch dass es in Neuengamme
eines gab. In meiner Familie kam dieses Thema nie ins Gespräch, obwohl ich
eine jüdische Tante hatte.

Eva-Maria Nowottny mit 17 Jahren
Kurz vor dem Ende des Krieges bin ich in das jüdische Zentrum in Hamburg
gegangen. Dort wurde eine Gedenkstunde für die Verstorbenen gehalten. Ich
brachte ein Rosenstöckchen mit. Viele Menschen waren dort und legten Blumen
auf das Mosaik. Ich drang zum Mosaik vor und setzte mein Rosenstöckchen
direkt in die Mitte. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Hier erfuhr ich
von dem Tod meiner Tante und ihrer Schwester in Riga. Dann wurde ich zum
Lesepult gebeten und sollte die Namen meiner Bekannten vor Gott aufrufen.
Dabei liefen mir die Tränen über die Wangen.
Im Winter 1944/1945 fiel mein Mann vor Moskau. Nur durch Zufall erfuhr ich
davon. Im selben Winter verlor ich meine jüngste Tochter. Es gab im Krieg
keine gute ärztliche Versorgung, geschweige denn Medikamente.
Damit meine andere Tochter und ich auf andere Gedanken kommen konnten, luden
unsere Freunde uns nach Falkensee ein. Mein Gastgeber hatte die
Aufforderung, an einer Gerichtsverhandlung von Freisler teilzunehmen. Er
fragte mich, ob ich mitgehen wolle. Ich ging mit ihm.
Ein alter Professor wurde von einer Krankenschwester angeklagt. Er sagte im
Lazarett zu den Soldaten: „Ihr haltet eure Knochen für etwas hin, was keinen
Bestand hat und geht in den Tod.“ Wegen „Wehrkraftzersetzung“ wurde er zum
Tode verurteilt. Er tat mir unendlich Leid.
Wie ich später erfuhr, war es nur eine Scheingerichtsverhandlung, wie viele
andere zu dieser Zeit auch. Das Urteil stand schon vor der
Gerichtsverhandlung fest.
Denke ich heute an die Zeit, dann ist es für mich einfach unfassbar. Was
konnten wir jedoch dagegen tun? Rein gar nichts. Und das ist das schlimmste.
Der Krieg war zu Ende. Eine Erlösung? Nein. Es war keine Erlösung für mich.
Das Vaterland war zerstört, genauso wie viele Familien. Die Angst vor der
Zukunft war groß.
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