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Ergebnisse eines Interviews mit Else von Oehmsen (*1924)
Die Flucht
Wo und wie hast du vor der Flucht gelebt?
Ich lebte in der Nähe einer Kreisstadt namens Lyck. Das liegt im jetzigem
Polen, und früher in Ostpreußen, In der Region Masurische Seen.
Ich wohnte dort mit meiner Familie und einem Polen auf unserem Bauernhof.
Warum bist du dann geflohen?
Alle mussten evakuiert werden, weil der Russe kam.
Ich fuhr am 22. Januar 1945 los. Ich war damals einundzwanzig. Mein Vater
hat uns zum Güterbahnhof gebracht.
Wir hatten sehr viel Gepäck mit, doch wir kamen nicht weit mit dem
Güterwagen. Wir wurden wieder ausgeladen und mussten zu Fuß weiter laufen.
Netterweise haben uns zwei Soldaten mitgenommen. Dann ging es weiter nach
Pommern und über die Ostsee nach Swienemünde. Dort kamen wir bei
meiner Tante unter. Doch wir konnten nicht lange bleiben. Nach 2 Wochen
kam schon wieder der Russe. Wir mussten erneut fliehen. Es ging wieder
weiter mit dem Güterzug. Wir froren alle, und wurden untergebracht in
Schulen. Dort saßen sie alle und lausten sich. Es war schrecklich. Wir
fuhren weiter mit dem Zug nach Osterholz-Scharmbeck. Alle wurden dort an
Familien verteilt. Ich hatte Glück: Ich kam in eine Familie, da war ich so
wie das Kind im Hause. Doch Oma und Opa haben immer aufgepasst. Ich durfte
mich mit niemandem treffen, außer mit Hinrich (meinem jetzigem Ehemann),
weil sie ihn kannten. Nebenan war ein großer Tanzsaal. Dort habe ich ihn
dann kennen gelernt. Aber ich durfte nichts. Oma und Opa haben aufgepasst.
Unmöglich war das. Leider gab es in Osterholz-Scharmbeck wenig Arbeit und
was sollte ich machen. Für kurze Zeit war ich noch bei der Post
angestellt, aber dann haben sie gesagt, ich solle mir Arbeit suchen beim
Bauern. Zum Bauern wollte ich allerdings auf keinen Fall, weil ich keine Klamotten dafür hatte. Ich konnte ein wenig nähen, also bin
ich in eine Schneiderei gegangen. Und dann habe ich geheiratet.
Die Flucht war grausam. Wir wurden so oft umverladen. Wir hätten jeder
Zeit untergehen können. Die gingen ja mit Mann und Maus unter. Ich hatte
eine große Decke bei mir. Damit habe ich mich abends zugedeckt, und morgens,
wenn ich aufgewacht bin, war sie voller Schnee. Wir haben oft draußen
geschlafen. Oder auch im Pferdestall. Das war noch schön warm im Gegensatz
zu draußen. Dort war es so kalt. Wir hatten Januar oder Februar. Es war so
grausam, aber wenn man jung ist, ist das egal.
Das war so furchtbar. Ich mag das gar nicht erzählen. Man kann sich das
nicht vorstellen. Und auch zu Hause auf unserem Bauernhof. Der Vater hat
so viel gebaut, und auf einmal ist alles weg. Mein Vater war
Bürgermeister und wurde verschleppt.
Wie ist es dem Rest deiner Familie ergangen?
Mein Vater, meine Mutter und ein Pole, der auf dem Hof war, sind mit
den Wagen los gefahren, aber sie sind nicht weit gekommen. Sie mussten
wieder zurück.
Sie kamen auf den Hof zurück, aber dann mussten sie auch schon wieder
runter, denn da kamen die Polen.
Mein Vater und noch ein anderer Mann sollten sich ein Zimmer suchen, doch
unterwegs kam ein Jeep an, der die beiden Männer mitgenommen hat.
Mein Vater kam nicht wieder zurück. Ich habe ihn niemals wieder gesehen.
Meine Mutter ist ganz alleine mit dem Hund zurück geblieben, bis sie auch
runter vom Hof musste.
Der Pole, der bei uns auf dem Hof war, hat sie bei sich aufgenommen.
Es war so grausam. Ich habe noch viele Briefe von meiner Mutter auf dem
Dachboden.
Neulich habe ich einen halben Brief gelesen, danach konnte ich nicht
weiter lesen. Ich hab alles wieder zu gemacht, und weggestellt. Es war so
grausam, wie sie da gelebt hat. Und ich war jung. Wenn man jung ist, ist
das nicht so schlimm.
Wir haben draußen übernachtet, und überall lagen tote Menschen.
Und auch die Ernährung war schlimm. Ich habe eine alte Frau gesehen, sie
hielt sich an einem dünnen Baumstamm fest. Sie konnte nicht weiter. Aber
das hat keinen gestört. Sie wurde einfach stehen gelassen. Und schlimm war
es, wie die verwundeten Soldaten auf der Straße lagen. Sie lagen da, und
es gab keine Hilfe.
Irgendwann wurden sie auf die Tracks geladen. Es war unmöglich, das kann
man gar nicht beschreiben, wie furchtbar das war.
Ich hab mir immer so viel angezogen, wie ich konnte. Ich dachte, was ich
hab, kann mir keiner nehmen. Und man musste ja auch so warm angezogen sein.
Das kann man gar nicht beschreiben, wie schrecklich das war. Aber wenn du
dann unterwegs bist, dann ist dir egal, was kommt. Wir haben Glück
gehabt, dass wir durchgekommen sind.
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