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Erleichterung und Angst nach dem 2. Weltkrieg
Ergebnisse eines Interviews mit Frau Ellen Lotichius (*1929)
Dies ist die Geschichte vom Ende des 2.
Weltkrieges aus der Sicht der Hamburgerin Frau Lotichius. Die damals
15-jährige wohnte in Schnelsen (im Norden Hamburgs gelegen) zusammen mit
ihrer Schwester, 18 Jahre, und ihrem Bruder, 10 Jahre.
Die letzten Tage
In den letzten Tagen, Ende April 1945, hörten wir den Kanonendonner
immer näher kommen und aus dem Radio wussten wir, dass die Engländern schon
an den Elbbrücken waren. Wir alle waren von einem mulmigen Gefühl erfüllt.
Wussten wir doch nicht, wie es mit uns weitergehen würde.
Würde Hamburg noch verteidigt oder würde es zu einer freien Stadt erklärt
und kampflos den Engländern übergeben werden? Hitler forderte Widerstand bis
zum letzten Blutstropfen, aber er war tot. Er nahm sich am 30. April 1945
das Leben. Großadmiral Dönitz übernahm am 1. Mai 1945 die Regierung.
Der Anfang vom Ende
Das Ende fing schon vor der Übergabe der Stadt an.
Es begann mit der Radiomeldung des Staatsrates Ahrens vom Hamburger Senat.
Im Volksmund hieß er „Onkel Baldrian“, weil er während des gesamten Krieges
während der Fliegeralarme Luftlagemeldungen und andere - die Auswirkungen
von Angriffen betreffende - Nachrichten über den Rundfunk verbreitete. Seine
Stimme hatte eine beruhigende Wirkung und war dazu angetan, Panik zu
vermeiden. Daher sein Spitzname. An diesem Tage meldete sich „Onkel
Baldrian“ ein letztes Mal. Er teilte allen Hamburgern mit, dass Hamburg
kampflos übergeben würde und dies seine letzte Meldung sei. Unsere ganze
Familie saß vor dem Radio und wir weinten vor Erleichterung und
Zukunftsangst. Die Erleichterung überwog jedoch.
Am 3. Mai 1945 waren sich Kampfkommandant Hamburg, General Wolz, und der
Reichsstadthalter für Verteidigung und gleichzeitig Gauleiter des Gaues
Hamburg der NSDAP Karl Kauffmann einig, die Stadt kampflos zu übergeben.
Dies geschah um 18.25 Uhr vor dem Rathaus in Hamburg. Als wir davon hörten,
dass die Stadt wirklich kampflos übergeben worden war, waren wir erleichtert
und froh, dass der Spuk endlich ein Ende hatte und wir den Krieg überlebt
hatten und nicht noch mehr Menschen sinnlos geopfert wurden.
Doch auch Angst anderer Art hat in diesen Tagen eine große Rolle gespielt.
Immerhin wusste keiner, wie sich die Briten uns gegenüber verhalten würden
und wie unsere Zukunft wohl aussehen würde.
Die Furcht vor den Engländern kam wohl nicht zuletzt von der Nazipropaganda.
Sie hatte u.a. behauptet, dass die Feinde uns alle umbringen würden. Aber es
kam besser als die Nazis es “vorhergesagt” hatten.
Froh waren wir jedoch darüber, dass Hamburg von den Engländern besetzt
worden war und nicht von den Russen oder Amerikanern, da wir vor denen -
warum auch immer - mehr Angst hatten.
Nach der Kapitulation sind Truppen mit Panzern und Jeeps in Hamburg
eingefahren. Die Besetzung verlief im großen und ganzen friedlich, soweit
mir bekannt ist.
Am Tag der Besetzung war für alle Ausgangssperre angeordnet und so konnten
wir das Geschehen nur vorsichtig vom Fenster aus beobachten.
Als sich später die allgemeine Lage etwas beruhigt hatte, wurden feste
Regeln für die Sperrzeiten, englisch „curfew“, aufgestellt. Personen, die
sich nicht daran hielten, wurden mit Arrest bestraft.
Wir sahen und hörten von andern Leuten, wie sich die Engländer breit
machten. Häuser, die den Krieg unbeschädigt überstanden hatten, wurden
beschlagnahmt und die Besatzungstruppen bezogen dort Quartier. Die Bewohner
wurden einfach auf die Straße gesetzt und mussten sich nach einer neuen
Bleibe umsehen. Aber man half sich gegenseitig und so fanden diese Menschen
Unterkunft bei Freunde, Nachbarn oder innerhalb der eigenen Familie.
Auch wir hatten Leute untergebracht. Es waren Verwandte, deren Häuser noch
während des Krieges durch Bomben zerstört worden waren.
Die Beschlagnahme dauerte nach meiner Erinnerung ca. 2 - 3 Monate. Danach
zogen sie in ehemalige deutsche Kasernen oder andere vorhandene
Großunterkünfte oder wurden innerhalb Deutschlands in andere Orte verlegt.
Die Engländer besetzten auch den Reichssender Hamburg in der
Rothenbaumchaussee. Die Ansage lautete:
“This is radio Hamburg, a station of the Allied Military Government”
Zweimal am Tag gab es anfangs Nachrichten und Mitteilungen in deutscher
Sprache.
Aushänge mit Anordnungen der Besatzungsmacht in deutsch und englisch waren
an öffentlichen Orten angebracht. In den Stunden ohne Ausgangsbeschränkung
musste man auf der Straße aufpassen, um nicht auch auf dem Bürgersteig von
Jeeps überrollt z werden. Dies waren aber mehr Attacken übermütiger
Soldaten, denn die Disziplin der britischen Soldaten war im allgemeinen gut.
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