Dieser Eintrag stammt von Reinhold Bengelsdorf  (1930-2009)

  Lieder der SA und deren unterschiedliche Textfassungen
(eine Recherche im November 2002)

Der zweite Weltkrieg sei dem deutschen Volk aufgezwungen worden, stand sinngemäß in einem Zeitzeugenbericht, über dessen Aufnahme in das „Kollektive Gedächtnis“ das Redaktionsteam zu entscheiden hatte. Aufgezwungen? Der Behauptung wurde widersprochen. Allein schon aus den von der SA vor 1939 gesungenen Liedern werde das NS-Vormachtstreben deutlich. Gesungen wurde z. B. „Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Oder hieß es damals „da hört“ und nicht „gehört“? Eine Recherche sollte Klarheit bringen.

Bei dieser Recherche halfen dankenswerterweise der Historiker Werner Hinze und insbesondere Angelika Voss, Archivarin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

Zusammenfassendes Ergebnis der Recherche:

Text und Melodie des Liedes „Es zittern die morschen Knochen“ werden Hans Baumann zugeschrieben in der 1932 entstandenen Fassung „denn heute gehört uns Deutschland“.

In „Wohlauf Kameraden!“, ein Liederbuch der jungen Mannschaft von Soldaten, Bauern, Arbeitern und Studenten, herausgegeben im Auftrag des National-sozialistischen deutschen Studentenbundes, der Reichsschaft der Studierenden an den deutschen Hoch- und Fachschulen, der deutschen Fachschulschaft, der deutschen Studentenschaft und in Verbindung mit dem Reichsbund Volkstum und Heimat, Bärenreiter-Verlag zu Kassel 1934, fand sich der erste Abdruck des Liedes:

1. Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wir haben den Schrecken gebrochen, für uns war’s ein großer Sieg. Refrain: Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.
2. Und mögen die Spießer auch schelten, so lasst sie nur toben und schrein, und stemmen sich gegen uns Welten, wir werden doch Sieger sein.
3. Und liegt vom Kampfe in Trümmern die ganze Welt zu Hauf, das soll uns den Teufel kümmern, wir bauen sie wieder auf.

„Junge Gefolgschaft“, neue Lieder der Hitler-Jugend, herausgegeben von der Reichsjugendführung, Georg Kallmeyer Verlag, Wolfenbüttel und Berlin 1937, enthält im Refrain zu allen drei Strophen - bei sonst gleichem Text - die entschärfte Fassung „da hört“.
Angefügt findet sich eine zusätzliche Strophe

4. Sie wollen das Lied nicht begreifen, sie denken an Knechtschaft und Krieg - derweil unsere Äcker reifen. Du Fahne der Freiheit, flieg.
Refrain: Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt,
die Freiheit stand auf in Deutschland und morgen gehört ihr die Welt.

Als Quelle wird in einer Fußnote angegeben „Aus Hans Baumann, Horch auf Kameraden. Mit Genehmigung des Ludwig Voggenreiter Verlages, Potsdam“. In der Fassung von 1936 enthält diese Quelle in der Tat alle vier Strophen, und zwar wortgleich - mit einer wesentlichen Ausnahme: Stets heißt es im Refrain „gehört“.

Weitere Quellen mit der Fassung „gehört“ sind:
- „Rhythmus“, ein Liederbuch nur für den Dienstgebrauch des Kreises Hamburg III, 11. Januar 1939, und
- „Deutsches Soldatenliederbuch“, Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1943; als Quelle wird hier angegeben „Die Morgenfrühe“, von Hans Baumann, Ludwig Voggenreiter Verlag.

Folgerung: Generell wurde „gehört“ gesungen; nur in der HJ hieß es entschärft „da hört“. Kampflieder, das ist aus der geschichtlichen Entwicklung bekannt, wurden den jeweiligen politischen Bestrebungen angepasst.
Das Kampflied „Ihr Sturmsoldaten jung und alt“ ist ein Beispiel für eine mehrfache Textanpassung.

„Rhythmus“, siehe oben, gibt den vor Kriegsbeginn gesungenen Text wieder:

1. Ihr Sturmsoldaten jung und alt nehmt die Waffen in die Hand, denn die Juden hausen fürchterlich im deutschen Vaterland.
2. War einst ein junger Sturmsoldat, ei dazu ward er bestimmt, dass er sein Weib, sein Kind verlassen muss, verlassen muss geschwind.
3. Alte Weiber weinen fürchterlich, junge Mädchen noch viel mehr, so leb denn wohl, herzallerliebster Schatz, wir seh’n uns nimmermehr.
4. Wenn der Sturmsoldat ins Feuer geht, ei da hat er frohen Mut, und wenn das Judenblut - , ei da geht’s noch mal so gut.
5. Hundertzehn Patronen umgehängt, scharf geladen das Gewehr und die Handgranate in der Hand, Bolschewiki, komm mal her.
6. Als Sturmsoldaten ziehen wir mit Adolf Hitler in den Kampf. Entweder siegen oder sterben wir fürs deutsche Vaterland.

Anmerkung zur Strophe 4: Der durch den Bindestrich ersetzte Text lautete „vom Messer spritzt“. 

„Soldaten Kameraden“, Liederbuch für Wehrmacht und Volk, Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg 1938, enthält in seiner ein Jahr zuvor erschienenen Fassung in einigen Strophen andere Texte:

1. denn der Feind, der haust ganz fürchterlich im Oberschlesierland.
4. und wenn die rote Fahne vor uns weht
5. und dann die Handgranate in der Faust, Pierunje, nun komm mal her.

Strophe 6 war 1938 eine Wiederholung der Strophe 1; Adolf Hitler blieb dementsprechend unerwähnt.
Statt dessen wurde allen Strophen ein Refrain nachgestellt: SA-Kameraden, nimm das Mädel usw.

„Wohlauf Kameraden!“, siehe oben, brachte weitere vier Jahre früher den gleichen Text wie das eben erwähnte „Soldaten Kameraden“, jedoch damals noch ohne den Refrain.

Als Quelle wird genannt: Dichtung und Weise im Sturmbataillon aus den Annabergkämpfen mündlich überliefert.

„Liederbuch Hamburgischer SA“, Nationalistische Buchhandlung Hans Schumm, Altona/Elbe 1933, enthält das Lied als erste zu ermittelnde Quelle mit den Textstellen:

1. die Bolschewisten hausen fürchterlich im deutschen Vaterland
4. die Strophe mit der roten Fahne fehlt
5. und die Handgranate angefasst, Bolschewiki komm mal her!
6. gibt es nicht

Text und Melodie dieses Liedes gehen wahrscheinlich auf ein Soldatenlied aus dem Jahre 1890 zurück.

Auch für dieses Lied gab es in der HJ einen entschärften Text, der mir aus dem Jahre 1944 bekannt ist. Wir sangen den in „Rhythmus“, siehe oben, gedruckten Text mit einer Ausnahme in Strophe 4. 
Statt „wenn das Judenblut vom Messer spritzt“ sangen
wir „wenn das Blut heiß durch die Adern rollt.“