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Kindheit und Jugend in
einer sozialdemokratischen Familie
Ergebnisse eines
Interviews mit Frau Helga S. (*1928)
Widerstand
Helga S. erfuhr schon als Kind wie es war, wenn die Eltern nicht in der Partei
waren. Ihr Vater war arbeitslos und das sollte sich so schnell auch nicht
ändern. Seine Meinung stimmte nicht mit der der Nazis überein und deshalb lehnte
er es auch ab, in die Partei einzusteigen und gegen seine Überzeugung zu
handeln. Dies änderte sich während seines ganzen Lebens nicht, auch nicht, als
die Nationalsozialisten ihre Macht schon weit ausgedehnt hatten.
Doch das Leben im Widerstand und mit einer Meinung, die nicht mit der der
Regierung übereinstimmte, war damals gefährlich.
Eines Tages kamen Verwandte und Bekannte der Familie, darunter auch ihre
beiden Onkel, bei ihnen zu Hause unter. Sie mussten aber auch von dort fliehen,
da sie verfolgt wurden. Sie waren gegen den Nationalsozialismus und lehnten sich
auch gegen ihn auf. Den Nazis war es allerdings egal, ob sie sich nur mit Worten
gegen sie auflehnten oder mit Taten. Über Umwege nach Dänemark fliehen mussten
die Widerständler trotzdem, da sie sonst zweifellos ins Gefängnis gekommen
wären.
Noch gut erinnern kann sich Helga S. daran, dass ihr schon als Kind
beigebracht wurde, niemandem etwas zu erzählen. Sie erinnert sich an die Männer
mit Schlapphüten und langen Mänteln, die sie fragten, wo denn ihr Onkel sei.
Auch bei ihren Großeltern und bei ihr zu Hause tauchten diese Männer des Öfteren
auf, um herauszufinden, wo sich die gesuchten Personen befänden. Post musste
deshalb, nachdem sie gelesen wurde, sofort vernichtet werden, um kein Risiko
einzugehen. Auch gesprochen wurde dann über diese Post nicht mehr.
An einen Besuch kann sie sich noch besonders gut erinnern:
Die Männer kamen und wollten den Keller und die ganze Wohnung durchsuchen. Der Zufall wollte es so, dass sich ausgerechnet an diesem Tag
Flugblätter ihres Vaters in der Wohnung befanden. Wo sollte man nun also hin mit
einem Stapel Flugblätter, während die SS die Wohnung durchsuchte?
Glücklicherweise lag ein Buch des arbeitslosen Vaters auf dem Küchentisch.
Kurzerhand packte Helgas Vater also den Stapel Flugblätter unter das Buch auf
dem Tisch und hoffte, sie würden diese nicht entdecken. Anscheinend war dies zu
offensichtlich - die SS übersah tatsächlich die Flugblätter! „Das hätte aber auch schief
gehen können, man konnte ja gar nicht vorsichtig genug sein“, sage Helga S., als sie uns von diesem Erlebnis berichtete.
1939 fuhr Helga S. mit ihren Großeltern noch
einmal nach Dänemark, um die Geflüchteten dort noch für 14 Tage zu besuchen.
Auch hier erinnerte sie sich noch an einige Kleinigkeiten. Um den Geflohenen
Geld zukommen zu lassen, entfernten
ihre Großeltern das weiche Innere aus den Brötchen und legten Fünf-Mark-Stücke
hinein. Dann wurde das
Weiche wieder hineingestopft. Auf diese Weise schafften sie es, das Verbot Geld mitzunehmen, zu umgehen.
Ein besonders aufregendes Erlebnis war für sie auch, als sie an einem Tag in
Dänemark auf ein Gebäude mit hohem Turm gestiegen waren. Ausgerechnet in dem
Moment, in dem sie oben standen, warf ein ihnen Unbekannter Propagandazettel
herunter. Aus Angst vor der Gefangennahme, konnten sie gar nicht schnell genug
von diesem Turm herunter kommen.
Als später die Deutschen auch in Dänemark einmarschierten, mussten die
Verwandten von Helga S. noch einmal fliehen. Einer ihrer Onkel konnte nicht flüchten, wurde
geschnappt und kam nach Deutschland in ein Gefängnis, in dem er bis Ende des
Krieges bleiben musste. Die anderen waren mit dem Schiff bis nach Schweden und
Norwegen gefahren, aber sie durften nicht ganz bis an die Küste heran fahren.
Der Rest musste geschwommen werden. Zwei dieser Männer schafften es nicht und
ertranken auf dem Weg zu Schwedens Küste.
Kindheit und Jugend in einer nicht nationalsozialistischen Familie
Sehr im Gedächtnis geblieben sind die vielen Luftangriffe. Eine Sache war für
Helga S. besonders schockierend: Einmal wurde bei ihnen in der Nähe ein Flugzeug
der Engländer abgeschossen, welches dann auch dort bei ihnen im Weidenbaumsweg
„runter ging“. Die Insassen lagen dann tot neben dem kaputten Flugzeug.
Besonders erschreckend ist hierbei allerdings die Tatsache, dass einige Menschen zu
den Leichen hingingen, um sie zu treten. So drückten sie ihre Verachtung für die
Engländer aus.
Eine weitere Erinnerung ist das Bild der vielen Männer, die ins KZ geführt
wurden. Während diese durch die Straßen getrieben wurden, durfte man sie nicht
angucken. Aus Mitleid und da sie sowieso gegen die Regierung waren, ließen
Helgas Opa und andere Menschen immer unauffällig Zigaretten fallen, damit die KZ
Häftlinge eine Zigarette rauchen konnten, denn sie hatten ja sonst nichts.
Schnell mussten die Häftlinge sich dann bücken, um nicht dabei erwischt zu
werden, wie sie Zigaretten vom Boden aufhoben.
Die Schulzeit begann für Helga S. 1935. Auch hier waren allerdings
Sozialdemokraten und deren Kinder nicht gern gesehen. Gegen die eigene
Überzeugung musste sie dann Hitlerlieder singen und sich die Judenverhetzung
anhören. Sofort wurde ihnen eingetrichtert, dass sie mitmachen mussten und keine
Kritik üben durften.
Als dann die Zeit der Kinderlandverschickung kam, gingen die Kinder der
Sozialdemokraten (unter anderem auch Helga S.) nicht mit, da ihre Eltern die
Nazis nicht bei ihrem Tun unterstützen wollten. Ob sie in den BDM eintreten
wollte, wurde sie allerdings gar nicht erst gefragt, also ging sie dorthin und
hörte sich an, was die Menschen dort zu sagen hatten. Besonders engagiert hat
sich Helga S. im BDM aber nicht.
Helga war nicht die einzige Tochter von Sozialdemokraten aus ihrer Klasse. Viele
andere aus ihrer Klasse, vor allem vom Weidenbaumsweg, waren auch Anhänger der
SPD. Dafür war diese Straße auch bekannt. Manchmal wurden die Kinder
deswegen auf dem Weg zur Schule von nationalsozialistisch eingestellten Kindern abgefangen
und von ihnen geschlagen. Ernstere Vorfälle gab es jedoch, soweit sich
Helga erinnern kann, nicht.
Es war besonders praktisch, dass in ihrer Straße viele Gleichgesinnte wohnten,
denn so konnten sie zusammen Völkerball und andere Spiele spielen.
Ein weiteres verstecktes Auflehnen gab es noch, wenn zu besonderen Anlässen die
Fahnen herausgehängt werden sollten. Aus Angst dafür bestraft zu werden keine
Fahne rauszuhängen, hängten sie dann die kleinste Hakenkreuzfahne heraus, die
sie finden konnten.
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