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Zeit im Arbeitsdienst
(Edith Rossbalson, Jahrgang 1923)
Nach dem Schulabschluss mit der Mittleren
Reife suchte ich mir eine Ausbildung. Dies war natürlich nicht einfach, da
wir uns im Krieg befanden, aber ich habe es trotzdem irgendwie geschafft.
Ich bekam eine Lehre bei der Deutschen Bank. Doch bevor ich noch die Lehre
antreten konnte, wurde ich18 Jahre alt und alles änderte sich.
Es war 1942 und ich musste zum Arbeitsdienst. Ich musste von zu Hause weg
und nach Essen in Oldenburg. Von nun an wohnte ich im Lager zusammen mit 46
anderen Arbeitsdienstmaiden (so wurden wir damals genannt). Das Haus, in dem
das Lager war, hatte früher einem Juden gehört, aber nun sollten wir darin
wohnen. Es war ein schönes Heim, oder besser gesagt, eine schöne Villa, in
der ich nun leben sollte.
Zunächst sollte ich bei einem Bauern arbeiten. Hier habe ich gelernt, wie
man Kühe melkt und auf die Tiere aufpasst. Da ich aus der Stadt kam, kannte
ich dies alles nicht. Es hat mir jedoch Spaß gemacht. Als ich zum ersten Mal
eine Kuh gemolken habe, hat mir der Bauer gesagt, dass ich mir mit den
ersten Tropfen Kuhmilch die Hände einreiben soll, damit meine Hände nicht
kaputtgehen. Das war ein guter Tipp und somit konnte ich viele gute
Erfahrungen bei diesem Bauern sammeln. Ich habe gelernt, wie viel Arbeit ein
Bauer zu leisten hat, und dass Leute, die wie ich aus der Stadt kommen, dies
nicht ernst genug nehmen.
Anschließend bin ich zu einem Lebensmittelladen gekommen, weil der Mann in
den Krieg musste und die Frau nicht mehr alleine zurecht kam. Hier musste
ich mit dem Kleben der Lebensmittelmarken aushelfen und die Lebensmittel
abwiegen. Für ein Brötchen gab es 50g Lebensmittelmarken, für ein Brot
500g-Marken. Die musste ich auf vorgefertigte Listen kleben und dann
einschicken, damit es wieder Nachschub an Lebensmitteln gab. Leider reichte
das Essen oft nicht für die meisten Leute, und so habe ich das offiziell
leere Butterfass noch einmal gründlich ausgekratzt. Da kam oft schon so
einiges zusammen. Das habe ich dann einfach an eine Frau mit sechs Kindern
verschenkt, damit sie etwas mehr zu essen hatten.
Die Frau im Lebensmittelladen war sehr nett zu mir. Sie hatte ein paar Tiere
bei sich und hatte mir ein Huhn für meine Mutter geschenkt. Allerdings
musste ich es selber töten. Sie sagte mir, dass ich es erst einmal
herumschleudern muss, bevor ich es köpfe. Das tat ich auch. Als ich dann das
Huhn köpfen wollte, konnte ich nicht hingucken. Ich hab es dann aber doch
über mich gebracht und zugeschlagen. Doch das Huhn hatte noch sehr viel
Leben in sich und lief noch ohne Kopf bis in den Graben. Fast so wie
Störtebeker. Dann habe ich das Huhn in nasse Tücher gewickelt und so sollte
ich das Huhn dann an meine Mutter schicken.
Die Bezahlung beim Arbeitsdienst war eher schlecht. Pro Tag bekamen wir 25
Pfennig. Damit konnte ich jedoch ganz gut leben, weil ich ja im Heim wohnte
und weder Unterkunft noch Essen bezahlen musste.
Da ich immer auswärtig Arbeit hatte, musste ich im Heim selbst keine
Hausarbeiten leisten. Die meisten von uns mussten dies tun, aber durch meine
Arbeit beim Lebensmittelladen brauchte ich das nicht. Was ich aber machen
musste, genau wie alle anderen auch, war die Teilnahme an der morgendlichen
Routine. Jeden Morgen um 5:30 Uhr mussten wir aufstehen und zum Frühsport.
Danach ging es dann zum morgendlichen Appell mit Flaggenparade. Erst danach
konnte man frühstücken. Schließlich musste ich zur Arbeit, welche ich acht
Stunden am Tag verrichtete. Manchmal musste ich länger arbeiten, weil einige
Lebensmittel nur in kleinen Portionen verkauft wurden und vorher abgewogen
werden mussten, was oft lange Zeit in Anspruch nahm.
Jeden Tag, außer am Wochenende, musste ich meine Arbeitsdienstkleidung
tragen. Am Wochenende konnte ich meine eigenen Schuhe anziehen. Viel anderes
besaß ich nicht.
Wir befanden uns ja die ganze Zeit im Krieg. Das bemerkte man auch ganz
eindeutig. Drei meiner Kameradinnen verloren während der Zeit, in der ich
beim Arbeitsdienst war, bei den Angriffen auf Hamburg ihre Angehörigen. Im
Jahr 1943 endete mein Arbeitsdienst und ich zog zurück nach Hamburg, wo ich
meinen Mann heiratete.
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