|
Interview zum Thema Kriegsende 1945
Ich führe das Interview mit Hildegard S. (geb. 1926), die während und nach
dem Krieg auf der Flucht und auf der Suche nach ihrer Familie war und ein
Beispiel für die vielen Menschen ist, die zu dieser Zeit gezwungen waren
ihre Heimat zu verlassen.
Wie haben Sie persönlich das Ende des Krieges miterlebt?
Viel habe ich eigentlich nicht mitbekommen, deshalb kann ich dir zu diesem
speziellen Thema auch nicht viel sagen. Ich war ja immer auf der Flucht,
wusste nicht welcher Tag oder welcher Monat war. Die Zeit verschwimmt
ineinander, wenn man immer unterwegs ist.
Wo haben Sie während des Krieges gelebt, Sie kommen doch nicht aus
Hamburg, richtig?
Ich komme aus Marienburg in Westpreußen, damals war es jedenfalls
Westpreußen.
Ich war 1940 mit der Schule fertig und wurde danach eingezogen um in einer
Fabrik zu arbeiten. Alle mussten damals arbeiten und helfen. 1943 waren wir
gezwungen zu fliehen, weil die sowjetischen Truppen näher kamen und
Marienburg bereits unter Feuer stand.
Als ich nach hause kam waren meine Mutter und meine Schwester schon weg:
geflohen mit einem Wagen, und ich war ganz allein.
Ich musste dann immer mit den anderen Flüchtenden hinterherlaufen, hatte
kein Geld, nichts zu essen, keine Klamotten zum wechseln.
Alles war zerstört. Die meisten hatten nichts außer den Sachen, die sie
anhatten.
Das sind wirklich schlimme Erinnerungen. Also, das möchte ich auf keinen
Fall noch mal erleben. Ich würde Marienburg gerne einmal wieder sehen, weil
ich gehört habe, dass es jetzt sehr schön dort sein soll aber ich habe auch
Angst, dass alle Erinnerungen wieder hochkommen. Ich möchte auf keinen Fall
noch einen Krieg erleben.
Ich erinnere mich, dass alles gebrannt hat und viele Leute auf der Flucht
gestorben sind: Die langen Märsche ohne Nahrung … und die Leute sind einfach
über sie drüber gelaufen.
Unter den Flüchtenden war auch ein verwundeter Soldat, der eine Frau nach
einem Verband für seine Schusswunde am Arm gefragt hat und sie hat gesagt:
„Was geht mich das denn jetzt noch an?“. So was schockiert einen besonders:
Dass die Menschen einander gleichgültig sind.
Mussten Sie vor der roten Armee fliehen?
Wir mussten alle mit ihnen mitkommen. Wir wurden aus unserer Heimat unter
furchtbaren Bedingungen vertrieben. Es gab nur Steckrüben mit Wasser zu
essen und geschlafen haben wir auf Stroh mit 20 anderen Leuten zusammen. Es
gab keine Möglichkeit sich zu waschen oder andere Kleidung anzuziehen, die
wir auch gar nicht hatten auch wenn wir sowieso keine hatten.
Alle waren entkräftet aber wir mussten ja immer weiter. Einmal hatte ich
einen Schwächeanfall und konnte nicht aufstehen.
Haben Sie ihre Mutter und ihre Schwester wieder gefunden?
Das Problem war, dass ich kein Geld hatte und deshalb nicht mit dem Zug
fahren konnte oder mit dem Schiff oder sonst wie. Ich musste immer zu Fuß
laufen. Während der Flucht war ich unter Fremden immer die Jüngste. Immer
Allein! Ich wusste nie wohin ich sollte. Ich versuchte immer, meine Mutter
irgendwie wiederzufinden, aber wir blieben über all die Jahre getrennt. Von
Nachbarn habe ich erfahren, dass meine Mutter und meine Schwester zu
Freunden nach Lübeck wollten. Ich habe sie erst 1945 dort wiedergefunden.
Meine Mutter war fassungslos mich zu sehen. und ich habe meine Mutter und
meine Schwester erst 1945 in Lübeck wieder gesehen. Als wir uns endlich
wiedergefunden hatten waren wir uns vollkommen fremd Ich und meine Schwester
waren uns vollkommnen fremd wegen der jahrelangen Flucht., wegen der
jahrelangen Flucht und meine Mutter war auch völlig überrascht mich zu
sehen. Ich war während der Flucht immer die jüngste unter fremden Menschen
gewesen. Immer allein. Ich wusste nie wo ich hin sollte. Ich hab versucht
irgendwie hinter meiner Mutter und meiner Schwester herzukommen aber wir
waren über all die Jahre getrennt und als ich sie wieder gefunden hatte
waren wir uns fremd.
Wie ging es nach dem Krieg für Sie weiter?
Ich bin dann 1946 nach Fehmarn gekommen, wo ich hart gearbeitet habe um
wieder etwas zu haben. Ich hatte ja nichts mehr. Alles war zerstört worden
oder gehörte nach der Vertreibung jemand anderem. Auf Fehmarn habe ich dann
auch meinen Mann kennen gelernt und wir haben geheiratet und sind 1949
hierher gekommen, wo wir auch sehr viel arbeiten mussten um uns wieder so
etwas wie einen Besitz zu schaffen.
Nach dem Krieg war es schwer für seinen Lebensunterhalt aufzukommen, weil es
einfach nichts gab. Alles war zerstört und Lebensmittel waren kaum
vorhanden. Wenn du deine Nachbarn gefragt hast hatten die auch nichts oder
haben dir sowieso nichts gegeben.
Es war eine schlimme zeit voller Hunger und Entbehrungen. Es gab kein
Vergnügen in meiner Jugend sondern nur harte Arbeit. Das war die schlimmste
Zeit, die ich erlebt habe und ich möchte so was nie wieder erleben.
zurück
|