1932-1949
Erlebnisse einer Tochter
Frau Z. erzählt:
Meine Mutter stand 1932 hochschwanger mit mir vor den Bergedorfer Geschäftsauslagen.
Sie hatte besonderen Appetit auf Schokolade und frische Pflaumen, konnte
es sich aber nicht leisten, denn es herrschte in Bergedorf-Lohbrügge
und im übrigen Deutschland große Arbeitslosigkeit. In Bergedorf
konnte man sich zu der Zeit mittags aus der Gulaschkanone eine warme Mahlzeit
holen. Viele Familien hatten nicht einmal Geld für ein Mittagessen.
1939 kam ich zur Schule in die heutige Chrysanderstraße. Dann
brach der Krieg aus. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich keine Bananen oder
andere Südfrüchte. Es gab sie einfach nicht. Das Essen war knapp.
Wir lebten von unserem Schrebergarten und von dem, was wir durch langes
Schlangestehen ergatterten. Das waren unter anderem farbstoffreiche Heißgetränke,
vierfache Leberwurst, Kuheuter usw. Die Leberwurst war vierfach durch
undefinierbare Füllmittel verlängert worden. Später
gab es dann Lebensmittel-Bezugsmarken. Die Wochenration war bitterwenig.
Mein Vater arbeitete in einem wichtigen Betrieb, und abends wurden von
ihm und mir selbst ausgegrabene Holzstubben zersägt, um Brennholz
zum Kochen zu haben. Es gab auch die Erlaubnisscheine zum Holzsammeln,
die man mit Mühe von der Behörde bekam. Um den Wasserturm in
Lohbrügge herum, wo heute Häuser stehen, durften wir uns Baumstümpfe
ausgraben.
Auf dem Frascati-Platz in Bergedorf lagerten während des Krieges
Bohlen zwecks Erneuerungen auf der Bahnlinie Bergedorf-Geesthacht. Diese
Bohlen wurden ständig von einem bewaffneten Mann bewacht. Die frierenden
Familien in der Umgebung waren erpicht auf wenigstens eine dieser Holzbohlen,
auch wenn bei Entwendung eine hohe Strafe darauf stand. So wurde eines
Abends per Telefon der Wächter in sein Holzhaus gelockt, dort eingeschlossen
und verbarrikadiert. Die Familienväter handelten. In zahlreichen Haushalten
wurden die gestohlenen Bohlen zunächst in Abseiten und Schränken
versteckt.
Im kleinen Geesthachter Elbhafen lag im Krieg eine Schute mit braunem
Zucker. Es sprach sich schnell herum. Die Männer radelten bei Nacht
und Nebel mit der Todesgefahr im Nacken nach Geesthacht, um wenigstens
einige Pfund Zucker zu ergattern, denn zum Süßen gab es nicht
viel. Wir hatten im Kleiderschrank dann auch eine Tüte mit braunem
Zucker versteckt, und ab und zu gab es in der Pfanne hergestellte Karamellbonbons.
Mit 10 Jahren zur Hitlerjugend eingezogen, erzählte man uns jungen
Mädchen nur Gutes von Adolf Hitler. Wir lernten Zucht und Ordnung
und strickten für die Frontsoldaten warme Handschuhe. Von Tür
zu Tür mussten wir gehen, um Lumpen und Knochen zu sammeln. Außerdem
gab es für einen Korb voll Bucheckern etwas Margarine.
Zum Ende des Krieges verbreitete sich durch Hungersnot die Tuberkulose
auch in Bergedorf. Einer unserer Nachbarn hatte offene Schwindsucht und
spuckte durch die Gegend. Die halbwüchsigen Kinder in seiner Umgebung
bekamen alle etwas ab von der Tbc und mussten verschickt werden.
Am Bergedorfer Schleusengraben, gegenüber dem heutigen TREFF-Hotel,
befanden sich mehrere große Lagerhallen. Diese wurden zum Kriegsende
plötzlich geöffnet und von einer großen Menschenmenge geplündert.
Darin befanden sich Fallschirme in rot, grün und weiß aus Seide,
sowie Holzkoffer mit Technik-Zubehör für Flugzeuge. Von dieser
Fallschirmseide wurden Kleider, Nachtwäsche und vieles mehr gefertigt,
denn es gab ja sonst kaum Textilien zu kaufen. Aus den Fallschirmschnüren
wurden Strümpfe gestrickt.
Nach der Kapitulation rollten die Panzer der Engländer aus Richtung
Geesthacht in Richtung Bergedorf. Einige Hitlerjungen glaubten, die Panzer
durch Gewehrbeschuss aufhalten zu können. Daraufhin flogen die englischen
Geschosse Richtung Bergedorf. Ich hielt mich gerade mit anderen Jugendlichen
vor den Wohnhäusern auf und musste zusehen, wie der Kugelhagel einige
junge Menschen tödlich traf. Das war neben den Luftangriffen im Krieg
ein schreckliches Erlebnis für mich.
1949 begann ich eine kaufmännische Lehre auf der Veddel. Hamburg
lag zu der Zeit noch in Schutt und Asche. Mein Arbeitsweg ging von Rothenburgsort
durch die Trümmerlandschaft über die große Elbbrücke
zur Veddel. Damals brauchte ich keine Angst vor einem Überfall zu
haben. Die Menschen hatten alle mit sich selbst und dem Aufbau zu tun.
Es gab noch keine guten Bus- und Bahnverbindungen. Also war zu großen
Teilen Schusters Rappen angesagt.
Durch viel Fleiß, Kraft und noch ernährungsmäßige
Entbehrungen wurde langsam vieles wieder aufgebaut oder erneuert.
Es ging wieder aufwärts.
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