|
Dieser Eintrag stammt von Saskia Frieber (*1991) |
||||||
|
Ergebnisse eines Interviews mit Erwin Blohm, Jahrgang 1933 Warum sollte es so passieren? Mein Leben im Krieg Ich bin im Jahre 1933 geboren und lebte seit meiner Geburt
in Hamburg. Zusammen mit meinen 5 Geschwistern bin ich in dem Stadtteil
Hammerbrook aufgewachsen. Mein Vater wurde damals Im Alter von zehn Jahren wurde ich durch zahlreiche Orte in Deutschland geschickt (siehe unten).
Zuerst wurden meine eigene, sowie meine Parallel-Klasse nach Modline, das im jetzigen Polen liegt, auf ein Rittergut gebracht. Auf diesem Rittergut haben wir circa ein Jahr verbracht, ehe wir wieder zu unseren Familien nach Hause konnten. Ich wurde jedoch weiter nach Süden geschickt, ins Bayrische Vilsbiburg Kloster. Von da aus ging es dann wenig später auf einen Bauernhof, wo noch weitere Flüchtlinge waren, die alle aus Ungarn kamen. Als der Krieg vorbei war, versuchte unser Lehrer, uns alle nach Hamburg zu unseren Familien zurück zu bringen. Er besorgte sich einen LKW und fuhr mit uns über viele Grenzen, so dass wir 14 Tage brauchten, um nach Hamburg zurückzukehren. Er setzte uns dort aus und wir waren auf uns alleine gestellt. Nur, was mich erwartete, wusste ich nicht. Ich konnte zurück zu meiner Familie. Was für eine Familie? Der Anfang meiner Verschickung 1943 fiel der Unterricht durch die Bombenangriffe auf Hamburg immer wieder aus. Aufgrund dessen wurde beschlossen, dass meine Schulkameraden und ich aufs Land verschickt werden sollten. Da wir alle zehn Jahre alt waren, konnten wir als Gruppe verschickt werden. Man nannte uns das „Jungvolk“. Wir selber bezeichneten uns eher als Lagermannschaft, in der natürlich nur Jungs dabei waren. Mit uns kamen unsere zwei Lehrer und ein verwundeter Oberleutnant. Ihm fehlten ein Auge und ein Arm.
Jeder trug ein Hemd mit einem Schlips und eine anständige Hose. Die ca. 15 Zimmer wurden von je sechs Personen bezogen. Jeder hatte einen Spind für die Sachen. Im Zimmer standen dreistöckige Betten. Jeden Morgen vor dem Frühstück mussten wir zur Flaggenparade. Unser Essen wurde von einer Frau gekocht, die auch unsere Wäsche wusch. Später hatten wir Unterricht. Am Nachmittag wurden wir gedrillt. Unser Training, welches uns auf den Militärdienst vorbereiten sollte, nahm niemand so wirklich ernst. Es war wie ein Spiel. Ab und zu gingen wir an den See und angelten oder badeten. Zum Angeln hatten wir nur einen Faden und einen Wurm, sonst nichts. Dies war aber verboten und wer sich erwischen ließ, bekam eine Strafe. Das Schlimmste, was passieren konnte, war ein 14-tägiger Aufenthalt im Keller in einem kleinen Zimmer, wo man eingesperrt wurde. Aber ich selber habe mich nie erwischen lassen. Ich gab es nicht zu, bei einer verbotenen Sache, die wir machten, dabei gewesen zu sein. Wer das zugab, hatte ja auch selber Schuld. Der Tag, den ich nie vergessen werde
Viele konnten nach Hause, weil ihre Familie noch lebte. Ich jedoch wurde durch ganz Deutschland geschickt. Jetzt
begann mein Aufenthalt im Kloster und dann auf dem Bauernhof. Nachdem unser
Lehrer uns am Ende des Krieges nach Hause gebracht hatte, lebte ich bei meinen
Großeltern. Mein Vater war in Gefangenschaft, aber er kam frei und lernte meine Stiefmutter kennen. Nach dem Interview erzählte mir seine Frau: „Früher, als wir noch jünger waren, hat er immer geweint, wenn er etwas getrunken hatte“. Dieses zeigt mir, dass viele Menschen diese schrecklichen Ereignisse des Krieges aus ihrem Leben ausgeschlossen haben. Er selber sagte nur: „ Ich habe das alles verdrängt, weil es einfach zu schrecklich ist. Ich denke, niemand will so etwas wissen.“
Das war meine neue Familie. |