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Die Geschichte des neunjährigen Alexander Ermisch (*1932) während des
Zweiten Weltkrieges
Die Dorfumsiedlung
Ich wohnte mit meiner Familie in einem Haus in dem Dorf Rosental, einer
deutschen Kolonie in Kalmükia. Unsere Familie bestand aus meinem Vater
Jakob, meiner Mutter Maria, meinen Geschwistern E-Katharina, Emilia, Frida,
Amalia, Jakob, Ivan, Rosa und mir. Meine Eltern arbeiteten auf einem Kolchos
und meine älteren Geschwister gingen zur Schule.
Am 22. Juni 1941 wurde der Krieg in Russland angefangen. Die Russen
fürchteten einen Seitenwechsel der deutschstämmigen Familien, die in der
Nähe von Kriegszonen lebten. Um sich davor zu schützen, ließen sie alle
deutschstämmigen Familien nach Kasachstan oder Sibirien umsiedeln.
Am 11. September 1941 wurde in unserem Dorf vom Kriegskomitee ausgerufen,
dass innerhalb von 24 Stunden das Dorf von allen dort lebenden
deutschstämmigen Familien geräumt werden musste.
Alles Vieh war schon eine Woche zuvor von einigen jungen Leuten durch
kriegsfreie Zonen getrieben worden; unter ihnen war auch meine ältere
Schwester E-Katharina dabei. Nach dem Ausruf fingen alle damit an, sich für
den Weg vorzubereiten. Es wurde sich für den herbeikommenden Winter mit
warmen Sachen und mit Essen eingedeckt. Es wurde Brot gebacken und Schweine
wurden geschlachtet, damit deren Fleisch für den Weg eingelegt werden
konnte.
Am 12. September 1941 machten wir uns auf den Weg. Frauen mit neugeborenen
Kindern wurden auf Pferdegespanne gesetzt und die übrigen Erwachsenen und
Kinder mussten zu Fuß gehen. Wir wurden von Soldaten Richtung Westen
geführt, die aufpassen mussten, dass niemand floh. Nach ungefähr einer Woche
Fußweg fanden wir E-Katharina kraftlos am Wegrand liegen und nahmen sie auf
einem Gespann mit. Es war ein sehr anstrengender Weg, doch alle Dörfer,
durch die wir kamen, halfen uns mit Nahrung aus.
Als wir endlich am Bahnhof ankamen, von dem aus wir nach Baku gebracht
werden sollten, sahen wir, dass dieser von Bomben zerstört war. Daraufhin
mussten wir unseren Weg zum nächsten Bahnhof weiter zu Fuß fortsetzen. Dort
wurden wir in kalte Waggons gesetzt und nach Baku gebracht.
In den Waggons war es dunkel, denn sie hatten keine Fenster, und die Türen
waren verriegelt. Insgesamt haben wir ca. zwei Monate bis nach Baku
gebraucht, weil wir nicht den direkten Weg per Bahn nach Baku nehmen
konnten, sondern um die von Bomben zerstörten Gebiete herumfahren mussten.
In Baku wurden wir alle versorgt und auf ein Schiff geladen, das uns über
das Kaspische Meer nach Krasnovodsk bringen sollte. Beim Verladen aufs
Schiff herrschte große Panik. Die Planke, über die wir gingen, wackelte so
hin und her, dass Leute ins Wasser fielen. Aber niemand half ihnen. Mein
Vater hielt mich am Kragen fest, um zu verhindern, dass auch ich ins Wasser
fiel.
Zuerst wurden alle Frauen mit Neugeborenen und kleinen Kinder in den
Laderaum des Schiffes gebracht. Ich, die übrigen aus unserem Dorf und die
Soldaten blieben auf dem Deck. Doch kurz nachdem wir abgelegt hatten, wurden
die Frauen und kleinen Kinder aus dem Laderaum auf das Deck vertrieben. Die
Soldaten wurden dann im Laderaum versteckt, weil deutsche Flugzeuge über uns
zu kreisen begangen. Um nicht von Bomben getroffen zu werden, wurden alle
Frauen gezwungen, deutsche kirchliche Lieder zu singen. Die Soldaten schrien
immer wieder, sie sollten noch lauter singen. Die Flugzeuge zogen daraufhin
ab, ohne auch nur eine Bombe auf uns geworfen zu haben. Ich war erleichtert
und glücklich, denn ich dachte, dass ich hier sterben müsste.
Das Schiff brachte uns nach Krasnowodsk, wo wir am Wasser ein Lager
aufschlugen. Es war dort sehr kalt und viele Menschen starben an Hunger und
Erschöpfung, besonders ältere Menschen und Kinder. Hier starb auch meine
Schwester Rosa. Nach drei Tagen brachen wir auf und wurden in Waggons
verladen. Diese wurden eigentlich für den Transport von Vieh benutzt. In den
Waggons waren an den Wänden Bretter angebracht, die als Pritschen dienten.
Wir hatten glücklicherweise die Pritschen in der Mitte bekommen, sodass von
oben und unten warme Atemluft kam. Es war Ende November und schon so kalt,
dass die Kleidung der Leute an den Pritschen festfror. Viele starben an der
Kälte, an Hunger und an Erschöpfung.
Jeden Tag kam ein Gespann zu uns, um die Toten abzuholen, und jedes Mal war
es voll. Die Soldaten riefen: „Alle raus!“ und wir bekamen etwas zu essen
und durften auf Toilette gehen. Nach 20 bis 30 Minuten riefen sie: „Alle
rein!“.
An einem dieser Tage wurden auch meine Brüder Ivan und Jakob abgeholt.
An Weihnachten waren wir dann in Tantscha, einer Station in Kasachstan, in
der Nähe von Petropavloks angekommen. Jeder von uns war sehr hungrig. Aber
mein Vater aß heimlich das ganze Essen, das für unsere Familie bestimmt war,
alleine auf.
Von Tantscha aus wurden wir in ein Dorf gebracht, wo jede Familie von einer
anderen Familie aufgenommen wurde. Wir bekamen etwas zu essen und einen
Schlafplatz. Ich lag im Bett neben meiner Schwester Amalia. Als ich am
nächsten Morgen aufwachte, war sie tot. Mein Vater nahm sie hoch und trug
sie nach draußen, wo er sie begrub. Das war aber nicht leicht, da die Erde
schon gefroren war. Am Anfang unseres Weges hatte ich Angst vor dem, was
passieren würde. Während des Weges war ich ständig hungrig und erschöpft und
am Ende war ich schon so an alles gewöhnt, dass mich noch nicht einmal der
Tod meiner Schwester erschütterte.
Nach zwei bis drei Tagen flohen wir nach Sibirien in das Gebiet um Omsk, wo
ein Teil unserer Verwandtschaft lebte. Dort meldeten wir uns bei der
Kommandantur. Meine Eltern fingen wieder an, im Kolchos zu arbeiten.
Am 27.Februar 1942 wurden alle deutschstämmigen Männer, die in dem Gebiet um
Omsk lebten, in die Arbeitsarmee eingezogen. Mein Vater wurde nach Warkuta,
einer Stadt am Polarkreis Russlands, zur Schachtarbeit befohlen. Im März
wurden dann auch alle deutschstämmigen Frauen zur Arbeitsarmee eingezogen.
Meine Mutter und meine Schwester Emilia wurden nach Sverdlowsk in eine
Kriegswerkstatt beordert und meine Schwester E-Katharina wurde zur
Schienenverlegung geschickt.
Da ich und meine Schwester Frida allein blieben, wurden wir in ein
Waisenhaus in Scharapovka gebracht. Während unseres Aufenthalts dort waren
meine Mutter und Emilia aus der Arbeitsarmee geflohen und nach Omsk
zurückgekehrt. Um ihre Spur bei der Flucht zu vertuschen und um nicht von
den Hunden gefunden zu werden, streuten sie Tabak hinter sich her.
Im August, nachdem sie in Scharapovka angekommen waren, holten sie uns
nachts heimlich aus dem Waisenhaus. Wir gingen zu Verwandten in das Dorf
Popowka. Als wir uns bei der Kommandantur meldeten, fragten sie, warum meine
Mutter schon aus der Arbeitsarmee zurück war. Nachdem sich herausstellte,
dass sie geflohen war, wurde sie zu zehnjähriger Haft in Omsk verurteilt.
Emilia wurde zur Arbeitsarmee nach Warkuta geschickt, wo sie unseren Vater
traf.
Frida war von einer Familie aufgenommen worden, wo sie als Hausmädchen
arbeitete, und ich lebte auf der Straße bis zum Winter. Mein Essen klaute
ich mir aus fremden Gärten und schlief in einer selbst gegrabenen Kuhle.
Als der Winter anbrach, nahm mich eine Bekannte meiner Eltern bei sich auf,
bei der ich bis zum Frühling blieb. Länger konnte sie mich nicht ernähren,
weil sie selbst nicht so viel zum Leben hatte. Also musste ich wieder auf
der Straße leben.
Im Herbst 1943 berichteten mir Bekannte meiner Eltern, dass im Dorf
Alexejevka eine Tante von mir lebte. Ich ging dorthin und traf dort meine
Schwester Frida. Die Tante nahm mich unter der Bedingung auf, dass ich
selbst für mein Essen arbeitete. Ich half ihr, die Pferde zu versorgen.
Ich blieb bei ihr bis zur Rückkehr meiner Mutter im Winter 1945.

Die Rehabilitationsbescheinigung von
Alexander Ermisch
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