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Das
ganz normale Leben in den 60ern
Interview mit Peter Kock, geb. 1946 in
Hamburg/Altona
Erinnern Sie sich an
ein ganz spezielles Ereignis aus den 60er Jahren? Eventuell ein persönliches
oder aber auch ein allgemeines?
Das für mich persönlichste
Ereignis war, dass ich 1966 geheiratet habe und 1966 auch meine Tochter
geboren worden ist. Das ist für mich das Ereignis aus den 60er Jahren.
Da können wir gleich
anknüpfen. Können Sie die Erziehung aus den 60ern, also die Erziehung
Ihrer Tochter, mit Ihrer eigenen Erziehung vergleichen? Das heißt gibt es
wichtige Unterschiede oder hat sich eher weniger verändert?
Es
hat sich nichts verändert, wir sind speziell zu Hause sehr streng erzogen
worden, wir waren vier Kinder zu Hause, der Vater hatte ein Haus gebaut, da
war das eben so.
Und unsere
Tochter, ja, die ist auch streng erzogen worden. Es gab feste Zeiten wann
sie zu Hause sein musste, es wurde in der Schule nicht geschwänzt, so was
gab es nicht. So wie heute, das haben wir uns früher nicht erlaubt, da wäre
sofort der Hausmeister da gewesen und hätte nachgefragt was mit dem Kind
los ist.
Es war also doch alles
ein wenig strenger?
Nein, nicht strenger, es
gab eben mehr Disziplin!
Und wie war das mit
dem Fernsehen? Es gab ja ein breites Angebot, hatten Sie irgendwelche
Lieblingsfilme oder -serien? Nein, noch nie! Ich hab
mich noch nie für Serien interessiert, heute noch nicht und damals auch
nicht. Ich hab ganz viel Sport getrieben und hatte im Grunde gar keine Zeit
zum Fernsehen gucken.
Wenn ich nach Hause
kam, war ich kaputt und hab dann die Tagesschau und irgendwelche politischen
Sendungen geguckt.
Wenn Sie „politisch“
sagen, dann war doch auch sicher „Der schwarze Kanal“ für Sie interessant?
Der schwarze Kanal, den hab
ich jeden Montag geguckt. Reingeguckt zumindest. Und hab mir dann ein Bild
davon gemacht, was der Karl Eduard von Schnitzler da erzählt hat und hab
das dann mit der Wirklichkeit verglichen. Also das hat zu 100% nicht
gestimmt. Der hat unsere Produkte schlecht gemacht, unsere Politiker
schlecht gemacht, der hatte dieses Kaderdenken von denen da drüben. Da
wurde das Pumpenwerk Leuna geehrt, dass die ihre Produktion um über 500%
erfüllt haben und im Endeffekt waren die Pleite und Marode. Das haben sie
den Leuten aber so eingetrichtert, wie gut die Wirtschaft doch war. Und
unsere Wirtschaft niedergemacht, das war fast nicht normal.
Ich
hab trotzdem immer wieder reingeguckt.
Ich höre jetzt das
Negative vom schwarzen Kanal, aber Sie haben trotzdem immer wieder
reingeschaut. Warum?
Wegen der Lügengeschichten,
die haben mich interessiert. Was der den Leuten da drüben vorgelogen hat.
Dann hab ich verglichen, wie es denn tatsächlich ist. Und zu 100% stimmte
nichts, was der erzählt hat. Der hat nur gelogen der Mann!
Das war der einzige, der ohne Pass und ohne
Visum zwischen dem Westen und dem Osten hin- und herpendeln konnte. Der
hatte im Westen Geld ohne Ende, der hat hier Bücher geschrieben mit
Pseudonym und ist dann rübergegangen und hat uns verteufelt.
Ich wundere mich, dass unsere Politiker den
immer wieder reingelassen haben!
Haben Sie die Bücher
von Karl Eduard von Schnitzler denn auch gelesen, also wissen Sie, um was es
darin geht?
Nein, mich hat eben nur
immer jeden Montag interessiert was er wieder für Gräueltaten über uns
erzählt hat. Eigenartigerweise hat mich das immer angezogen.
Sie haben vorhin
gesagt, Sport habe Sie sehr interessiert, haben Sie das denn auch im
Fernsehen gesehen?
Sport, ja, da habe ich
alles gesehen.
Zum Beispiel?
Reiten, Fußball, die
Olympiade, Boxkämpfe, die mit Mohammed Ali, da bin ich nachts für
aufgestanden. Die fingen dann so gegen 03:00 Uhr oder 03:30 Uhr an, aber das
war so was von interessant.
Um noch mal zurück
auf die Erziehung zu kommen, hätten Sie denn Ihrer Tochter auch erlaubt,
nachts um 01:00 Uhr oder 02:00 Uhr aufzustehen und Fernsehen zu schauen?
Ja, das hätte ich meiner
Tochter erlaubt, wenn sie es gewollt hätte.
Dann zu einem anderen
Thema. Die Mondlandung. Das war ein riesiges Ereignis. Wie haben Sie das
mit verfolgt, oder haben Sie es überhaupt mit verfolgt?
Ich habe alles, alles was
es von der Mondlandung gab, gesehen. Ich bin Nachts mit meiner Frau
aufgestanden und habe das manchmal sechs, sieben Stunden mit ihr geguckt.
Das war so was von faszinierend. Denn vor 100 Jahren haben manche gesagt:
„Man fliegt zum Mond, irgendwann“, daraufhin meinten alle: „Den
sperren wir ein, der muss in die Klapsmühle“. Die haben gedacht, das geht
gar nicht.
Dann, vor 50 Jahren hat man gesagt, eventuell. Und dann war es auf einmal
soweit, dass die Raketen solange fliegen konnten und dann gab es auf einmal
den Wettkampf zwischen Russland und den USA. Der war phänomenal, da wurden
Unsummen in das Projekt reingesteckt. Der Ostblock hatte gar kein Geld und
hat trotzdem Unsummen an Geld ausgegeben. Das ist die Sache mit den Abgaben,
die DDR, Rumänien, der ganze Ostblock, die haben das alles mit finanziert.
Das haben nicht die Russen allein finanziert, die konnten das gar nicht.
Das war genau wie mit der Olympiade damals in Moskau, das haben die
Ostblockstaaten auch alle mit finanziert, weil Russland das gar nicht allein
konnte.
Die Mondlandung, die aber war für mich...
...ein großer Schritt
für die Menschheit.
Ja, faszinierend! Man war
Patriot, der Amerikaner hat uns nach dem Krieg wieder auf die Beine geholfen
und ich jedenfalls war Patriot. Ich habe immer gehofft, hoffentlich schafft
er das vor dem Russen da hochzukommen. Als es dann soweit war, da habe ich
sechs, sieben Stunden vor dem Fernseher gesessen und habe das alles in mir
aufgenommen.
Gab es noch andere
„große Schritte“ für Sie, wie zum Beispiel den Mauerbau oder Kennedys
Rede „Ich bin ein Berliner“? Haben Sie davon, bzw. wie viel haben Sie
davon aktiv mitbekommen?
Na ja, man hat eben den
Ulbricht gehört, der sich hinsetzte und sagte, hier wird keine Mauer
gebaut. Dann wurde aber mit einmal gesagt, als sie anfingen da was
hochzuziehen, wir wollen euch vor unseren Verbrechern schützen. Und dann plötzlich
wurde gesagt, wir trennen uns jetzt von euch, wir wollen mit euch nichts
mehr zu tun haben. Ihr seid alles Kapitalisten und wir wollen jetzt hier in
Ruhe unseren sozialistischen Staat aufbauen.
Haben Sie denn auch
aktiv etwas dagegen gemacht? Es gab ja viele Demonstrationen und
Veranstaltungen gegen den Mauerbau. Waren Sie da irgendwo dabei?
Leider nein.
Leider? Hätten Sie denn
gerne daran teilgenommen?
Ja, ich hätte gerne
teilgenommen. Aber ich war in keiner politischen Partei und in keiner
Gewerkschaft und von denen wurde so was ja initiiert. Das waren ja besonders
die, die dagegen demonstrierten. Die interessierten mich im Grunde aber alle
nicht, weil ich der Meinung war, dass Politiker einen zwar in ihren Bann
ziehen, aber dann doch nicht das machen, was sie sagen. Ich hatte schon
immer meine eigene Meinung. Ich konnte nicht sagen, CDU war gut oder SPD war
gut, sondern ich habe mir wirklich das rausgesucht, womit ich einverstanden
war.
Aber gewählt haben Sie
trotzdem?
Zum Wählen bin ich immer
gegangen. Nur, gerade als die Mauer gebaut wurde, haben unsere Politiker
immer viel erzählt, aber keiner von denen hat was getan.
Und Kennedys Rede in
Berlin?
Nun ja, dass der Kennedy in
Berlin war, das ist natürlich Werbewirksam.
Es hat trotzdem viele
Menschen beeindruckt und berührt.
Ja, sicher und er stand
auch hinter Berlin. Als zum Beispiel die Blockade war, da haben die
Amerikaner ja die Pakete abgeworfen. Und er hat zu dem gestanden, was er
gesagt hat. Aber „Ich bin ein Berliner“ das wird ja heute und auch in
100 Jahren noch wiederholt werden.
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