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Tschernobyl und die
Atomkraft
Am 24. April 2010 wurde aus Anlass der 24. Wiederkehr des Supergaus von
Tschernobyl eine Menschenkette von Brunsbüttel bis Krümmel gebildet. 30.000
Menschen wären nötig gewesen, gekommen sind aber 100.000. Meine Frau und ich
haben daran teilgenommen. Es war ein tolles Erlebnis in der Gemeinschaft.
Nun zu den zusätzlichen Gründen unserer Teilnahme und Haltung gegenüber
dieser gefährlichen „Gelddruckmaschine“.
Wir lagen mit unserer Segelyacht viele Jahre in Travemünde im Yachthafen auf
dem Priwall. Uns gegenüber am Bootssteg lag der Besitzer einer
Straßenbaufirma. Seine Firma hat den Hamburger Rathausmarkt in seiner
heutigen Form und in seinem Aussehen gepflastert. Er hatte sich schon in
seiner Heimatgemeinde in Hamburg-Volksdorf sozial sehr engagiert.
Er kam nach dem Ereignis von Tschernobyl und der einsetzenden Perestroika
auf uns zu und teilte uns mit, dass in den nächsten Tagen, - er nannte auch
einen Termin, - mehrere Busse mit Kindern aus Tschernobyl nach Deutschland
kämen. Es seien alles verstrahlte Kinder. Ein Tag des Aufenthaltes sollte in
Travemünde sein. Seine Idee war nun, die Kinder auf unseren Schiffen zu
einer Rundfahrt in die Lübecker Bucht mitzunehmen. Wir erklärten uns sofort
bereit. Zur Vorbereitung dieser Unternehmung gingen wir einkaufen,
Coca-Cola, Säfte, Süßigkeiten, Kekse und anderes Knabberzeug.
Am nächsten Tag sollte es dann losgehen. Wir gingen mit gemischten Gefühlen
in die Kojen. Was kommt da auf uns zu? Schließlich sollten wir am nächsten
Tag verstrahlten Kindern gegenüberstehen und ihnen einen schönen Tag bieten.
Tschernobyl war weit und nun plötzlich in seiner ganzen Härte dicht bei uns.
Am nächsten Tag gegen Mittag trafen die Busse ein. Und dann standen sie da
und wir auch, -sprachlos.
Die Betreuerinnen hatten den Ton eines preußischen Unteroffiziers.
Dementsprechend war auch die Ordnung.
Die Kinder waren im Alter von schätzungsweise 6 – 15 Jahren. Bevor es an die
Aufteilung auf die einzelnen Schiffe ging, bekam jedes Schiff eine der
englischen Sprache nur wenig mächtigen Schülerinnen zugeteilt. Meinem
Schulenglisch, Jahrgang 1940, stand ich selbst sehr skeptisch gegenüber.
Aber wie sagt man: „Mut zur Lücke“.
Die Aufteilung ging problemlos über die Bühne. Ein Ereignis, das uns noch
heute beschäftigt, war folgendes: In vorderster Reihe der Kinder stand wohl
der Jüngste. Er schaute unsicher und verängstigt auf uns Bootsvolk.
Plötzlich löste er sich von dem Haufen. Er ging zielstrebig auf meine Frau
zu und nahm sie bei der Hand. Er hat sich auch später an Bord nur selten von
ihr getrennt. Es war eine ergreifende Begegnung, die uns bis heute nicht aus
dem Sinn geht.
Wir hatten wohl sechs oder sieben Kinder und Jugendliche an Bord und legten
zu unserer Rundfahrt ab. Unsere Schiffe waren fast alle mit Seefunkgeräten
ausgerüstet. So konnten wir auch untereinander in Verbindung bleiben. Die
Stimmung an Bord war verhalten fröhlich. Und auch mein Englisch frischte
sich merkwürdiger Weise auf.
Diese Fahrten haben wir noch einige Male in den nächsten Jahren wiederholt.
Zum Dank für diese Aktionen kam auch einmal das russische Musikkorps und
spielte im Hafen auf. Dies war eine nette Geste, aber den Opfern der
Katastrophe hat es auch nicht genützt.
Meine Frau und ich waren noch nie für die Atomkraft. Aber das
Zusammentreffen mit todgeweihten Opfern hat uns nachhaltig geprägt.
Aufgeschrieben von Gehrd Fahl, Jahrgang 1928,
am 24. Jahrestag des Supergaus von Tschernobyl
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