|
Dieser Eintrag stammt von Eda Yurtseven (*1991) |
|
Das Leben eines Soldaten am Ende des 2. Weltkrieges
Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Rudi Lange (*1921) Nach der Kapitulation 1945, Anfang Mai, wurde uns gesagt: “Rettet euch “ und “Lasst euch nicht vom Russen schnappen”. Da wollte ich mit meinem Freund von Dresden nach Hamburg fliehen. Dort war aber alles von der britischen Armee abgegrenzt. So wollten wir übers Erzgebirge fliehen. Dort wurden wir von tschechischen Freiheitskämpfern festgenommen. Wir waren auf einem Motorrad unterwegs und hätten sie nicht die zwei Handgranaten im Koffer gefunden, hätten sie uns auch nicht festgenommen. Mein Freund und ich wussten auch gar nicht mehr, dass wir überhaupt Granaten dabei hatten. Da kamen wir dann in ein Lager mit 5 000 Leuten. Als aber die GPU (russische geheime Staatspolizei) an uns Interesse zeigte, mussten wir mit den Russen weiter. Den Tschechen kam es gerade recht, denn sie hatten Mühe alle Flüchtlinge zu versorgen. Wir wurden dann mit vielen anderen Kriegsgefangenen und Flüchtlingen in Güterwagen ins Lager Friedland bei Göttingen gebracht. Als Toilette diente uns ein Eimer pro Waggon und zum Trinken bekamen wir nur ein Eimer Wasser pro Waggon. Im Lager angekommen, stellte es sich heraus, dass es sich eigentlich um eine Pionierkaserne für 2000 auszubildende Soldaten handelte. Doch waren dort nicht 2 000 Soldaten sondern über 30000 Gefangene und wir gehörten zu ihnen. Als wir dort ankamen, haben die Russen uns als erstes die Köpfe rasiert damit man uns erkennen konnte. Sie haben uns aber nicht den ganzen Kopf rasiert, sondern nur einmal von vorne nach hinten in der Mitte durch. Die Seiten konnten wir uns dann selber schneiden. Wir waren den Russen hilflos ausgeliefert. Zu Essen bekamen wir nur ca. 300 g Kartoffelbrot am Tag. Das Brot war sehr hart, aber das war beabsichtigt, damit wir länger von dem Brot hätten. Außerdem bekamen wir Fischmehlsuppen zu essen. Nach dieser Suppe konnte man nur erbrechen. So haben auch sehr viele von uns abgenommen. Mein Freund war Unteroffizier und Sanitäter; ich war Feldwebel. Da mein Freund
slawischsprachig war, war er besonders gut dran. Eines Tages fragten uns die Russen, ob jemand im Lager Sanitäter war. Mein Freund meldete sich sofort und hat behauptet, dass ich auch einer wäre. So haben wir dann in der Ruhrambulanz in der Praxis des Lagers gearbeitet. Ich habe dort die Praxisbücher geführt und den Kot betrachtet, ob er schleimig oder blutig ist. Denn zu dieser Zeit gab es eine schlimme Durchfallkrankheit, an der viele der Gefangenen erkrankten. Die Russen hatten dann Angst, dass sie auch vielleicht angesteckt werden. Später noch haben wir eine andere Aufgabe bekommen. Russische, verletzte Soldaten oder schwer kranke Gefangene sollten ins Krankenhaus gebracht werden. Daher sollten wir Marschbefehle ausstellen. Sie bekamen von uns Arztbescheinigungen und konnten somit umsonst mit der Bahn fahren. Diese Arbeit kam uns gerade recht. Wir haben die Chance genutzt und die Entlassungsscheine gefälscht. Wir haben eine Kartoffel in zwei Hälften geschnitten und dann die eine Hälfte mit der Fruchtseite auf den frisch, gestempelten Entlassungsschein gedrückt. So haben wir diesen Stempel später auf Blankopapiere übertragen und versucht den Gefangen herauszuhelfen, die uns geholfen haben oder nicht krankgeschrieben werden konnten. So haben wir auch dem Arzt Dr. Marx Keller einen Entlassungsschein geschrieben. Wenn wir dabei erwischt worden wären, wären wir mit dem Tod bestraft worden, aber es hat uns nicht interessiert, auch wenn wir gestorben wären, wir haben sehr vielen anderen geholfen. Irgendwann war es dann soweit. Die Russen wollten alle Gefangenen nach Russland bringen, damit sie für die Russen arbeiten konnten. Nun mussten wir uns selber retten. Jeder von uns beiden hat eine Krankheit vorgetäuscht. Es war nicht gerade einfach, aber ich bin als Epileptiker entlassen worden und mein Freund hat einen Bettnässer gespielt. Mittlerweile ist mein Freund schon tot. Aber ich bin sehr froh, dass ich ihn als Freund haben durfte. |